Buch des Monats Januar 2020

In einem Land nach unserer Zeit

Im Jahre 1468 wird Christopher Fairfax, ein junger Priester in ein Dorf in Wessex geschickt, um den dort verstorbenen Pfarrer beizusetzen. Während seines Aufenthalts gewinnt Fairfax rasch den Eindruck, dass sich Pfarrer Lacy eigentlich bester Gesundheit erfreut hatte. Bei weiteren Recherchen stößt Fairfax dann zum einen auf eine sehr umfangreiche Bibliothek des Pfarrers mit ihm unbekannten Werken und zum anderen auf einige seltsam anmutende Fundstücke, die der Pfarrer hortete. Der Auftritt eines Schreihalses während der Messe versetzt Fairfax schließlich vollends in Aufruhr. Der Tod Lacys muss von langer Hand geplant gewesen sein und war weder zufällig noch einem Unglück geschuldet. Fairfax verlängert eigenmächtig seinen Aufenthalt im Dorf und gerät dabei zusammen mit weiteren Dorfbewohnern in einen Strudel von Entdeckungen, die sein bisheriges Leben als Mann Gottes auf den Kopf stellen.

Die Zeit, in der die Geschichte von Christopher Fairfax und Pfarrer Lacy spielt, mutet zwar mittelalterlich an, doch spielt sie rund achthundert Jahre in der Zukunft. Im einundzwanzigsten nachchristlichen Jahrhundert war es zur großen teuflischen Apokalypse gekommen, wie die Kirche den Menschen weismachen möchte. Die einst hochzivilisierte Welt hat nach dem Untergang ihren früheren Stand auch viele Jahrhunderte später nicht annähernd wieder erreichen können. Geschichtliche und archäologische Bemühungen stehen unter Strafe, gelten als Ketzerei und Häresie und werden von der Kirche mit maximaler Strenge und Härte verfolgt. Fairfax weiß daher ganz genau, worauf er sich einlässt, wenn er mit Lady Durston das Bett teilt und in den Schriften von Pfarrer Lacy über das antike England stöbert.

"Der zweite Schlaf" lautet der Titel des neuesten Buches aus der Feder des britischen Erfolgsautors Robert Harris. Dreizehn Romane umfasst mittlerweile die stattliche Ansammlung von Bestsellern des Mannes, der Anfang der Neunziger mit "Vaterland" bei seinem Debüt einen ganz großen Coup landen konnte. Sein schriftstellerisches Highlight war zweifelsohne die "Cicero"-Trilogie, in der Harris den Werdegang des römischen Redners und Staatsmannes in Form dreier Spannungsromane zeichnete. Harris wandelt seit jeher auf unterschiedlichen Pfaden, mal probiert er sich an alternativer Geschichtsschreibung wie in "Vaterland" oder "Aurora", mal pickt er sich historische Persönlichkeiten und Gegebenheiten heraus und bleibt dabei ganz nahe an den Fakten. Neben den Büchern über Cicero ist hier "Intrige" ein Paradebeispiel, wo sich Harris der Dreyfus-Affäre widmete. Diese Wandlungsfähigkeit in seiner Themenauswahl hat das Erscheinen neuer Bücher von Robert Harris stets zu einem Festtag im Bücherjahr werden lassen.

Für das vorliegende Werk hat sich Harris für einen dystopischen Ansatz entschieden, indem er ein hoffentlich fiktives Szenario entworfen hat, dem er sich weit in der Zukunft widmet. Wieder einmal eine ganz hervorragende Ausgangssituation, die ein genialer Schreiber wie Robert Harris für gewöhnlich perfekt veredelt. Angetrieben durch die irrationalen Brexit-Bemühungen in seiner Heimat sah Harris sich laut eigener Aussage gezwungen, dieses Buch, das ihm seit Jahren im Kopf rumspukt, zu schreiben. Die im Heyne-Verlag erschienene deutsche Übersetzung hat es rechtzeitig zum Jahresende in die Buchläden geschafft. Parallel dazu hat eine leicht gekürzte Hörbuchfassung mit Frank Arnold als altbekanntem Sprecher von Harris-Romanen bei Random House Audio das Licht der Welt erblickt. Auf zwei mp3-CDs erstreckt sich die Lesung über mehr als zehn Stunden, während eine nur als Download verfügbare ungekürzte Lesung lediglich knapp zwei Stunden mehr auf die Waage bringt.

Nachdem Robert Harris bei seinen beiden letzten Romanen "Konklave" und "München" bereits etwas von seinem ansonsten so hohen Level abgesackt war, ist ihm mit "Der zweite Schlaf" leider kein Turnaround gelungen. Es verbleibt eine brillante Idee, die schwach umgesetzt worden ist. Nur wenig Antrieb erfährt die Geschichte nach den ersten Entdeckungen Fairfax' und der Begegnung mit dem mit Pfarrer Lacy befreundeten Altertumsforscher. Der bei Harris-Romanen ansonsten verspürte Drang, eine Seite nach der anderen zu inhalieren, stellt sich bei "Der zweite Schlaf" leider nicht ein. Die Gedankenspiele, die Harris allerdings mit seinen Andeutungen über die Ursache der Apokalypse angestoßen hat, dürfen von jedermann gerne eigenständig fortgeführt werden.

Christoph Mahnel 
23.12.2019

 
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Das Buch:

Robert Harris: Der zweite Schlaf. Aus dem Englischen von Wolfgang Mller

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Mnchen: Heyne Verlag 2019 416 S., 22,00 ISBN: 978-3-453-27208-8

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