Buch des Monats Juni 2017

Der Anfang vom Ende

Das Waisenkind Jane Fairchild ist 14 Jahre alt, als sie ihre Stelle als Dienstmädchen bei den Nivens in einem englischen Herrenhaus antritt. Wenig später lernt sie den fast gleichaltrigen Paul, Sohn der Sheringsham, den Eigentümern des benachbarten Landsitzes, kennen. Bezahlt er sie zunächst noch für ihre geheimen Treffen hinter dem Gewächshaus, entwickeln sich bald Gefühle auf beiden Seiten. Sieben Jahre später, an einem ungewöhnlich warmen, sonnigen Sonntag im März 1924, steuert die heimliche Beziehung der beiden auf einen ungewöhnlichen und dramatischen Höhepunkt zu.

In "Ein Festtag", im englischen Original "Mothering Sunday", erinnert sich die 98-jährige Jane an diesen besonderen Tag im März, der ihr Leben verändern sollte. Da allen Bediensteten der beiden Häuser freigegeben worden ist, um ihre Mütter zu besuchen, und sowohl die Nivens als auch die Sheringhams außer Haus sind, begibt sich Jane zum ersten Mal nicht auf Schleichwegen und durch den Hintereingang zum Haus der Sheringhams. Sie betritt zum allerersten Mal Pauls Zimmer und verbringt dort unvergessliche Stunden mit ihm. Doch schon bald müssen sich die Verliebten wieder der Realität stellen. Paul ist mit seiner Verlobten, einer Tochter aus gutem und vor allem reichem Hause, zum Essen verabredet. Er fährt von dannen und lässt Jane alleine im Haus der Sheringhams zurück.

Jane wandert - beflügelt von ihren Gefühlen - nackt durch die Räume, betrachtet alles, isst von der guten Pastete und hört das Telefon klingeln. Hätte sie den Anruf entgegengenommen, wäre sie durch die erschütternde Nachricht jäh aus ihrer Euphorie gerissen worden. Doch so bleiben ihr noch einige Stunden, bis die Nachricht von einem schrecklichen Unglück sie erreichen wird.

Graham Swift ist als zeitgenössischer britischer Schriftsteller spätestens seit seinem Erfolg von "Wasserland", verfilmt mit Jeremy Irons, oder seit dem Booker Prize für "Letzte Runde" bekannt. Sein Markenzeichen, das nichtlineare Erzählen, kommt auch in seinem neuesten Werk, der Erzählung "Ein Festtag", die in Buchform knapp 150 Seiten einnimmt und als ungekürzte Lesung gut vier Stunden dauert, wieder zum Tragen. Die Erinnerungen und die Lebensgeschichte der Jane Fairchild erfährt man häppchenweise und nicht chronologisch. Das Zusammensetzen der Puzzleteile ist Teil der Leistung des Lesers bzw. Hörers, die er im Verlauf der Geschichte zu meistern hat.

Obwohl "Ein Festtag" kein ausschweifender Roman ist, hat man dennoch das Gefühl, man kenne die gesamte Lebensgeschichte der Jane Fairchild, von ihrer Geburt, als sie ausgesetzt wurde, bis ins hohe Alter von 98 Jahren, als sie auf ihr Leben und insbesondere einen Sonntag im März 1924 zurückblickt, der für ihre Beziehung das Anfang vom Ende, für ihr weiteres Leben, in dem sie zur einer erfolgreichen Schriftstellerin avancierte, jedoch eine Art Initialzündung war.

Iris Berben, deren schauspielerische Erfolge keiner weiteren Erläuterung bedürfen und deren Erfahrung und Erfolg als Hörbuchsprecherin ebenfalls für sich sprechen, verleiht dem Waisenmädchen, das sich vom Dienstmädchen zur Schriftstellerin mausert, eine sanfte, sinnliche Stimme, die eine Atmosphäre voller Neugier, Leidenschaft und Unbeschwertheit, aber auch eine Atmosphäre des Nichtbereuens, der Gelassenheit und der Weisheit erschafft.

Sabine Mahnel 
06.06.2017

 
Diese Rezension bookmarken:

Das Buch:

Graham Swift:
Ein Festtag. Aus dem Englischen von Susanne Höbel

Bild: Buchcover Graham Swift, Ein Festtag

Sprecherin: Iris Berben
Berlin: Der Audio Verlag 2017
Spielzeit: 257 Min., € 19,99
ISBN: 978-3-86231-997-8

Diesen Titel

Logo von Amazon.de: Diesen Titel können Sie über diesen Link bei Amazon bestellen.