Wissenschaften

Abtauchen in KV 62

Obgleich er von seiner geschichtlichen Bedeutung beileibe kein erinnerungswürdiges Schwergewicht war, ist er doch in vielen Köpfen das Paradebeispiel für den ägyptischen Pharaonen- und Totenkult. Die Rede ist natürlich von Tutanchamun, als Pharao der 18. Dynastie von 1332 bis 1323 vorchristlicher Zeitrechnung in Amt und Würden. Seinen nachhaltigen Weltruhm verdankt er schließlich Howard Carter, der 1922 bei seinen Ausgrabungen im Tal der Könige auf die Grabkammer des Pharaos stieß, der bereits im Alter von etwa zehn Jahren den Thron bestiegen hatte und auf selbigem auch nur rund zehn Jahre lang saß. Carters Entdeckung ist bis heute der umfänglichste und atemberaubendste Fund aus der Zeit der ägyptischen Pharaonen.

Viele Bücher sind über Tutanchamun und seine Grabbeigaben bereits verfasst worden, was die berechtigte Frage nach der Daseinsberechtigung eines weiteren Kompendiums stellt. Zahi Hawass war sich dieser Tatsache bewusst und führt diesbezüglich ins Feld, dass die Forschung über Tutanchamun auch nach über 90 Jahren nach Carters Entdeckung kontinuierlich voranschreitet. Gerade in den letzten Jahren sind einige Erkenntnisse herangereift, die es absolut rechtfertigen, einen aktualisierten Abriss über Tutanchamun zu erstellen. Mit Zahi Hawass zeichnet hierfür ein mit einem gesunden Selbstbewusstsein ausgestatteter Landsmann Tutanchamuns verantwortlich. Doch trotz seiner streitbaren Natur gilt Hawass unzweifelhaft als Meister seines Fachs und gehört definitiv zu den renommiertesten und einflussreichsten Ägyptologen des 21. Jahrhunderts.

Sein vor gut einem Jahr erschienenes Werk "Discovering Tutankhamun" ist nun im Konrad Theiss Verlag auch in einer deutschen Übersetzung mit dem Titel "Auf den Spuren Tutanchamuns" erschienen. Als Übersetzer konnte hierfür mit Wilfried Seipel ein Mann vom Fach gewonnen werden, der als ehemaliger Museumsdirektor des kunsthistorischen Museums in Wien ebenfalls mit ausgiebiger Expertise gesegnet ist. In dem von Seipel verfassten Vorwort zur deutschen Ausgabe verweist dieser auch sogleich mit dem "arabischen Frühling" auf aktuelle Entwicklungen in Ägypten, die durchaus das antike Erbe massiv gefährden. Die Sorge um dessen Erhaltung zieht sich wie ein roter Faden durch das vorliegende Buch, insbesondere als Rechtfertigung für die Anfertigung und Ausstellung von Kopien, da die Originale den Belastungen von Wanderausstellungen auf dem ganzen Globus nicht mehr lange standhalten würden. Der Wunsch der Archäologen richtet sich somit bereits auf das geplante Grand Egyptian Museum in der Nähe der Pyramiden von Gizeh, wo viele Originale aus der Pharaonenzeit dann im Sommer 2015 ihre feste Heimat finden sollen.

Zahi Hawass gelingt es, trotz der für die Thematik doch recht bescheidenen Anzahl von nur etwas mehr als 250 Seiten einen breiten Ansatz zu verfolgen. Er beginnt mit einer geschichtlichen Einordnung der 18. Dynastie und Tutanchamuns in die ägyptische Geschichte. Anschließend gibt er den aktuellen Forschungsstand um Tutanchamuns Herkunft, seine Familie und auch seine Todesumstände preis. Das zentrale und reich bebilderte Kapitel bildet natürlich die Grabkammer Tutanchamuns auf über 70 Seiten. Die Bebilderung als solche mag für das eine oder andere Auge ein wenig gewöhnungsbedürftig daherkommen, da die Bilder eine direkte Integration in den Text erfahren, auch die intensive Verwendung von gelben Hintergrundkästchen entspricht nicht unbedingt der klassischen Darstellungsweise, die man aus ähnlichen Werken kennt.

Dennoch verliert "Auf den Spuren Tutanchamuns" keineswegs den Blick für Details und diejenigen Anekdoten, die den Mythos Tutanchamun seit seiner Freilegung durch Horward Carter befeuerten. Hawass weiß von der Legende um die Erstentdeckung durch einen jungen Wasserträger zu berichten. Hussein Abdel Rasoul lieferte die Wasserkrüge für das Forscherteam und legte beim Abstellen der Gefäße wohl die Steinplatte der ersten Treppenstufe zur Grabkammer frei. Auch den Fluch des Pharaos spart Hawass nicht aus und berichtet augenzwinkernd von seinen Maßnahmen, die er anwendet, um davon verschont zu bleiben. Im finalen Kapitel widmet er sich der "Tutmanie", die insbesondere dann um sich greift, wenn der verblichene Pharao mit seinen Grabbeigaben auf Welttournee geht.

Die vorliegende deutsche Übersetzung wird auch als Begleitband zur anstehenden Tutanchamun-Ausstellung, die zwischen April und September dieses Jahres in München gastieren wird, beworben. Das Buch vollführt letztlich einen gekonnten Spagat und wird sowohl einem breiten Publikum als auch wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht. Im Anhang finden sich eine komplette Liste aller in KV 62 - so die Expertenbezeichnung für das Grabmal - gefundenen Objekte sowie eine Zuordnung der aktuellen Ausstellungsorte der Originalartefakte. Hawass mag zwar als Person sehr egozentrisch daherkommen und unterstreicht dies auch durch seine Ich-Erzählung im vorliegenden Buch, doch hat er sicherlich ein Werk geschaffen, das den umfänglichsten und aktuellsten Rundumblick auf Tutanchamun und den Stand der Forschungen gibt, so dass es beileibe keine Übertreibung ist, "Auf den Spuren Tutanachmuns" als Standardwerk für den Moment und zumindest die kommenden Jahre zu deklarieren.

Christoph Mahnel
02.03.2015

 
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Das Buch:

Zahi Hawass: Auf den Spuren Tutanchamuns

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Darmstadt: Theiss Verlag 2015
264 S., 29,95
ISBN: 978-3-806-23037-6

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