Wissenschaften

Eine Zeitreise ins Jahr 870 a.u.c.

Im Jahre 117 n. Chr. herrscht mit Kaiser Trajan einer der sogenannten Adoptivkaiser über das Römische Reich. Im Zuge der Eroberungen Armeniens, Mesopotamiens und des Dakischen Reichs befindet sich das Römische Reich flächenmäßig auf dem Höhepunkt. Es lässt sich zu diesem Zeitpunkt die größte Ausdehnung vermerken, die das Römische Reich je erlangen sollte. Es umfasst Gebiete auf drei verschiedenen Kontinenten und beherrscht den Mittelmeerraum vollständig. In einer Achse von Nordwesten nach Südosten reicht es sich von Britannien bis hin ins Zweistromland und sogar fast bis an den Persischen Golf heran.

Alberto Angela hat diesen Moment der maximalen Ausdehnung zur Kulisse für sein neuestes Werk "Vom Gladiator zur Hure" gemacht, in dem er die Reise einer Münze durch das Römische Reich beschreibt und dabei dem Leser Land und Leute aus allen Winkeln näherbringt. Alberto Angela selbst ist in Italien durch seine Geschichts- und Wissenschaftssendungen im Fernsehen eine präsente und populäre Person. Auf hiesige Verhältnisse übertragen lässt er sich gut und gerne als der "italienische Guido Knopp" bezeichnen, doch während der eine mit dem Zweiten Weltkrieg sein Steckenpferd gefunden hat, besitzt der andere aufgrund seiner Herkunft nachvollziehbar ein Faible für die römische Geschichte.

In einem seiner Vorgängerbücher "Ein Tag im Alten Rom" hatte sich Angela auf das Leben in Rom selbst fokussiert, während er im vorliegenden Buch nun über den Tellerrand der Ewigen Stadt hinaus schaut und sich der Diversität des Lebens in den römischen Provinzen widmet, die eben im Jahre 117 n. Chr. mit der größten Vielfalt versehen war.

Episodenartig hat Angela seinen über 600 Seiten umfassenden Situationsbericht aus dem Römischen Reich aufgebaut. Als Bindeglied für die verschiedenen Episoden dient Angela ein Sesterz, der durch die Hände vieler unterschiedlicher Menschen wandert und der den Autor und den Leser als roter Faden auf der gemeinsamen und kurzweiligen Reise durchs Römische Reich begleitet. Angela startet die Odyssee der Münze in der Kapitale selbst, macht einen Abstecher in die nordwestlich gelegenen Provinzen, kehrt zwischendurch nach Rom zurück, bevor er weitläufig im Mittelmeerraum ausholt und in die neueroberten Gebiete Mesopotamiens an den Rand des Reichs vorstößt. Ihr Ende findet die Münze natürlich und schließlich in Rom.

Alberto Angela führt auf seiner Reise gekonnt Regie, indem er verschiedenartige Menschen aus unterschiedlichen Kulturen porträtiert und damit das wirkliche Leben in den Provinzen aufleben lässt. Er nimmt den Weg der Münze zum Anlass, immer wieder an passenden Stellen kleine Exkurse auszuführen, sei es zum Weinanbau in der Antike, zum Eheleben der Römer, zum Straßenbau oder zur Kriegsstrategie der Legionen. Angela führt den Leser dabei sogar mitten aufs Schlachtfeld gegen die Chatten, einen germanischen Volksstamm, der dem heutigen Bundesland Hessen als Namensgeber zur Verfügung gestanden hat.

In akribischer Quellenarbeit hat sich Alberto Angela ein Bild vom Römischen Reich, von den Provinzen und vor allem von den Menschen gemacht, die seinerzeit dort gelebt haben. Die Leistung Angelas ist nicht hoch genug anzuerkennen, da er hiermit eine Arbeit geleistet hat, die weit über die Zusammenstellung eines Geflechts aus Zahlen, Schlachten oder sonstigen Meilensteinen der Geschichte hinausgeht. Der italienische Autor hat mit dem vorliegenden Buch einen Live-Mitschnitt aus einer Zeit erstellt, die knapp 1900 Jahre zurückliegt. Obgleich damals anders als heute kein gesteigerter Wert auf die Dokumentation des normalen und alltäglichen Leben eines Durchschnittsbürgers gelegt wurde, sondern die Geschichtsschreibung sich vornehmlich auf die Großen und Bedeutenden beschränkt hatte, ist es Angela gelungen, einen höchst unterhaltsamen und voller Leben sprudelnden Lagebericht über das alltägliche Treiben in Rom und seinen Provinzen im Jahre 117 n. Chr. zu liefern. Mit einer derartigen Herangehensweise an Geschichte ließe sich sicherlich so mancher in der Schulzeit entstandener Abneigung gegen Geschichte und insbesondere gegenüber dem Römischen Reich entgegenwirken.

Christoph Mahnel
14.05.2012

 
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Das Buch:

Alberto Angela:
Vom Gladiator zur Hure - Die Reise einer Münze durch das Römische Reich. Aus dem Italienischen von Elisabeth Liebl

Bild: Buchcover Alberto Angela, Vom Gladiator zur Hure - Die Reise einer Münze durch das Römische Reich

München: Riemann Verlag 2012
608 S., € 19,99
ISBN: 978-3-570-50142-9

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