Wissenschaften

Ein mathematischer Rckblick ins Mittelalter

Denkt man heutzutage an das Mittelalter, fallen einem sofort die Ritterkultur, die Vormachtstellung der Kirche, die Politik der Kreuzz?ge, die Pest und vor allem das harte karge, sehr einfache Leben der Menschen ein. H?ufig spricht man auch vom "finsteren Mittelalter" und meint damit Seuchen, Kriege, Gewaltherrschaften sowie die R?ckst?ndigkeit der Bev?lkerung im Bereich der Hygiene, der Bildung und der zivilisatorischen Eigenschaften ganz im Allgemeinen. Dieser popul?re Mythos vom "Dunklen Zeitalter" hat sich leider bis heute gehalten, obwohl viele wissenschaftliche Publikationen ein anderes Bild vermitteln. Einen hervorragenden Gegenbeweis liefert auch Wolfgang Hein mit seinem Buch "Mathematik im Mittelalter. Von Abakus bis Zahlenspiegel".

Sein Beitrag zur Kulturgeschichte des Mittelalters bezieht sich auf die wissenschaftlichen Errungenschaften auf dem Gebiet der Mathematik. Dabei schafft er es, die mathematischen Konzepte immer wieder mit anderen kulturellen Bereichen in Verbindung zu setzen, umso den Einfluss der Mathematik auf die gesamte Gesellschaftsordnung und Kultur des Mittelalters deutlich zu machen.  

Nach einer Darstellung der antiken Grundlagen stellt Hein ausf?hrlich die Einf?hrung und Entwicklung des Quadriviums als Teil der "Septem Artes liberales" vor, welches die F?cher Arithmetik, Geometrie, Musiktheorie und Astronomie umfasste und in den Dom- und Klosterschulen gelehrt wurde. Von der Theorie zur Praxis geht er dann im dritten Kapitel ?ber, in welchem er die auf die praktischen Anwendungen der mittelalterlichen Mathematik (Zahlenspiele, Zeitrechnung, Abakus etc.) eingeht. Vom Umgang mit numerischen Gr??en spannt Hein gekonnt den Bogen zu der fest in der christlich-mittelalterlichen Tradition verankerten Proportionslehre, welche haupts?chlich in der Musik, der Kunst und der Architektur ihre praktische Umsetzung fand.

Das f?nfte Kapitel geht auf die Entwicklungen in der arabischen Welt ein und zeigt auf, welch fundamentale Bedeutung die ?bersetzung und Vermittlung griechischer und arabischer Wissenschaftsexte im 12. und 13. Jahrhundert f?r die Entstehung einer mathematischen Wissenschaft im modernen Sinne in Europa mit sich trug. Im letzten Abschnitt wird die Anwendung der neugewonnenen Erkenntnisse auf physikalische Sachverhalte behandelt, wobei vor allem auf die mathematische Modellierung von Naturph?nomenen eingegangen wird. Die Literatur-, Personen- und Sachregister runden dieses wissenschaftlich fundierte Werk ab.

Auffallend bei der Lekt?re ist, dass es Hein stets gelingt auch dem auf dem Gebiet der Mathematik interessierten Laien einen sehr guten Einblick in die mathematische Welt des Mittelalters zu vermitteln. Eine Vielzahl an bedeutenden Gelehrten wie Boethius, Isidor von Sevilla oder Nikolaus von Kues werden dem Leser vorgestellt. Die mathematischen Errungenschaften, die Verbindung von Mathematik und christlicher Religion, der Einfluss der Wissenschaft auf den Alltag der Menschen werden dem Leser differenziert, detailreich, aber zugleich auch sehr verst?ndlich nahegebracht. Zudem ist es Heins besondere Leistung, dem lateinischen Fr?h- und Hochmittelalter in der Wissenschaftsgeschichte endlich seinen verdienten Platz zu geben. Damit hat er der naturwissenschaftlichen Ideenwelt des europ?ischen Mittelalters im Gegensatz zu vielen Werken, welche die westliche Mathematik innerhalb der Zeitenepoche von 550 bis 1100 oftmals aussparen, den ihr seit langem in der Mathematikgeschichte zustehenden Raum gew?hrt. Wer sich also mit der Mathematik des europ?ischen Mittelalters besch?ftigen m?chte, kommt um Wolfgang Heins Werk "Die Mathematik im Mittelalter. Von Abakus bis Zahlenspiel" nicht drumherum!

Kathrin Grimm
26.03.2012

 
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Das Buch:

Wolfgang Hein: Die Mathematik im Mittelalter. Von Abakus bis Zahlenspiel

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Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2010
196 S., 29,90
ISBN: 978-3-534-23121-8

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