Wissenschaften

Mehr als ein bloßes Nachschlagewerk für Geschichtsstudenten

Hitlers ehemaliger Rüstungsminister Albert Speer, wie er sich als Greis bündelweise Bargeld bei einem Kölner Auktionshaus abholt - diese Szene aus dem Leben des Kriegsverbrechers war bisher unbekannt. Heinrich Breloer schildert sie in seiner «Akte Speer», dem dritten Buch, das in Zusammenhang mit dem Fernseh- Dreiteiler «Speer und Er» entstand. Er lief im Mai vergangenen Jahres in der ARD, und damals legte Breloer seine Enttarnung des «Entlastungs-Nazis» auch als gleichnamiges Buch vor. Zusätzlich veröffentlichte er in «Unterwegs zur Familie Speer» seine Interviews mit Speers Kindern.

Nun also folgt zum Abschluss «Die Akte Speer». Es ist ein Dokumentenband. Was im Film zu Spielszenen verarbeitet wurde, soll hier für sich sprechen. Notizen und Briefe Speers, Akten aus der Nazi-Zeit, Zeugenaussagen. Auch damit will Breloer Speer die Maske vom Gesicht reißen, ihn als Nutznießer, Dynamo, Treibrad des NS- Regimes - als Täter - zeigen. «Wer wissen will, wer Speer wirklich war, braucht objektive Fakten», sagt Breloer.

Das jüngste Buch ist trotzdem mehr als ein bloßes Nachschlagewerk für Geschichtsstudenten. «Die Akten sind lesbar gemacht, indem ich vorne eine Lupe drauflege und mit einigen Sätzen zum Dokument hinführe», sagt Breloer. Diese «Lupentexte» stehen auf weißem Papier, die eigentlichen Quellen sind grau unterlegt - das erleichtert die Orientierung.

Zu den Quellen zählen auch die Erinnerungen eines Kölner Auktionators. Er verkaufte Gemälde aus der Sammlung, die sich Speer in seiner Zeit als Hitlers Architekt und Rüstungsminister zugelegt hatte - Werke von Arnold Böcklin, Karl Friedrich Schinkel und vielen anderen Künstlern. Gegen Kriegsende hatte Speer die Sammlung einem Freund anvertraut, nach dessen Tod tauchte sie dann um 1980 wieder auf. Speer wollte kein Aufsehen, als ehemaliger Eigentümer firmierte er deshalb nicht. Er teilte sich mit den Erben seines Freundes den Erlös - und holte sich seinen Anteil jeweils bar in Köln ab. Mehr als 500 000 Mark müssen es nach Breloers Recherchen gewesen sein. Was mit dem Geld passierte, ist bis heute unklar.

Die Begebenheit ist nur ein Randaspekt im Leben Speers, wie auch das dünne Werkverzeichnis, mit dem er sich im April 1932 um die Aufnahme in den Bund deutscher Architekten bewarb, wie die Denunziation bei Hitler, mit der er sich den Berliner Oberbürgermeister Julius Lippert aus dem Weg schaffte, oder wie eine eidesstattliche Versicherung, die er sich 1973 bei einem Mitarbeiter besorgte und mit der er untermauern wollte, er habe vom Holocaust nichts gewusst.

Das Buch präsentiert aber auch Dokumente, die von zentraler Bedeutung sind, wenn es darum geht, Speer, der beim Kriegsverbrecherprozess in Nürnberg nicht zum Tode, sondern zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde, Mitwisserschaft und Mittäterschaft nachzuweisen. Dazu zählt zum Beispiel ein Aktenvermerk über einen Informationsbesuch zweier Experten Speers im Konzentrationslager Auschwitz im Mai 1943. Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß selbst informierte Speers Leute über den Massenmord an Juden. Schon am nächsten Tag erstatteten sie Speer Bericht - dass sie dabei die Ermordung der Juden verschwiegen, hält Breloer für ausgeschlossen.

Jürgen Hein (dpa)
02.04.2006

 
Diese Rezension bookmarken:

Das Buch:

Heinrich Breloer:
Die Akte Speer

Bild: Buchcover Heinrich Breloer, Die Akte Speer

Berlin: Verlag Propyläen 2006
416 S., € 24,90
ISBN: 3-549-07287-2

Diesen Titel

Logo von Amazon.de: Diesen Titel können Sie über diesen Link bei Amazon bestellen.