Wissenschaften

Getto Frankfurter Judengasse - Zentrum jüdischen Lebens in Europa

Die im Jahr 1462 eingerichtete Frankfurter Judengasse war nicht nur das erste Getto in Deutschland und eines der ersten in Europa. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte wurde der Ort zu einem der wichtigsten Zentren jüdischen Lebens in Mitteleuropa, das berühmte Gelehrte oder Bankiers und Kaufleute wie die Rothschilds hervorgebracht hat. In einem in Frankfurt vorgestellten Buch haben Wissenschaftler aus mehreren Ländern den Versuch unternommen, die Geschichte der Judengasse neu zu erforschen. Es ist die erste große Darstellung des Gettos seit 80 Jahren. Zuletzt hatte in einer Fleißarbeit der Gymnasiallehrer Isidor Kracauer in den 1920er Jahren ein zweibändiges Standardwerk über die Frankfurter Juden erstellt.

Der Frankfurter Rat hatte 1460 den Juden befohlen, in eine am Rand der Stadt gelegene Gasse umzusiedeln, die von Mauern umgeben war. Die drei Tore wurden über Nacht und an den christlichen Sonn- und Feiertagen geschlossen. Die Siedlung war jedoch nicht nur Getto: Im Laufe der Jahrhunderte wurde sie zugleich zu einer Zufluchtsstätte für jüdische Flüchtlinge aus anderen Städten - wie zum Beispiel von Heinrich Heine beschrieben.

Die Judengasse sei als «einzigartiges historisches Gebilde» daher «ambivalent» zu beurteilen, sagt der Historiker Fritz Backhaus, einer der Herausgeber des Buchs und zugleich Leiter des Museums Judengasse in Frankfurt. Ähnlich zwiespältig wird das Getto, in dem sich die Juden behaupten konnten, auch von Mitherausgeberin Margarete Schlüter beurteilt. Sie ist Professorin für Judaistik an der Universität Frankfurt. Ihr Lehrstuhl wäre jüngst beinahe aus Rationalisierungsgründen nach Marburg verlegt worden.

Der besondere Schutz der Juden in Frankfurt ging vor allem auf die enge Bindung der Reichsstadt an den Kaiser zurück. Von 1562 an wurden in Frankfurt nicht nur die Kaiser gewählt, sondern auch gekrönt. Diese wiederum fungierten traditionell als Schutzherren der Juden, die für die Herrscher auch wirtschaftlich wichtig waren. Anders als in anderen Städten scheiterten daher in Frankfurt wiederholt Versuche des Rats und eines Teil der Bürgerschaft, die Juden zu vertreiben.

Im 16. Jahrhundert wuchs die Bevölkerung in der Judengasse von 150 auf 2500 Menschen. Trotz qualvoller Enge wohnten dort im 18. Jahrhundert dann über 3000 Menschen, fast zehn Prozent der Stadtbevölkerung. In der Judengasse, Ende des 19. Jahrhunderts schließlich abgerissen, wurden die Grundlagen für die blühende jüdische Gemeinde Frankfurts geschaffen. Kaum bekannt ist, dass die Juden im Zuge ihrer Emanzipation im 18. Jahrhundert auch dem Kaiser regelmäßig huldigten. Der erste war der 1711 gewählte Habsburger Kaiser Karl VI., wie in dem Band analysiert wird.

Bis zur «Machtergreifung» der Nazis im Jahr 1933 hatte Frankfurt - prozentual gerechnet - die meisten jüdischen Einwohner in Deutschland. Die Familie Rothschild, die einst das Haus «zum Grünen Schild» in der Judengasse bewohnte, hatte damals Frankfurt schon verlassen. Bereits 1901 war die Frankfurter Rothschild-Bank aufgelöst worden. Erst 2001 - hundert Jahre später - erwarb das Rothschild- Archiv in London eine Sammlung von Dokumenten, darunter einige sehr wertvolle Stücke aus dem Leben von Mayer Amschel Rothschild, dem Frankfurter Gründer des Familienunternehmens.

Mit dem sehr lesbaren Band ist die Forschung über die Frankfurter Juden noch lange nicht abgeschlossen. Große Bestände wie etwa die Schriften jüdischer Gelehrter sind noch gar nicht ausgewertet worden, wie Schlüter sagt.

Thomas Maier, dpa
07.01.2006

 
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Das Buch:

Fritz Backhaus, Gisela Engel, Robert Liberles, Margarete Schlüter (Hrsg.):
Die Frankfurter Judengasse. Jüdisches Leben in der Frühen Neuzeit

Bild: Buchcover Fritz Backhaus, Gisela Engel, Robert Liberles, Margarete Schlüter (Hrsg.), Die Frankfurter Judengasse. Jüdisches Leben in der Frühen Neuzeit

Frankfurt/Main: Societätsverlag 2005
366 S., € 19,90
ISBN: 3-7973-0927-9

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