Wissenschaften

Weisheit und Liebe

Es gibt S?tze, die einem im Leben als Geschenk entgegenkommen. Liest man sie aufmerksam, entfaltet sich daraus langsam ein ganzer Kosmos, als sei der Satz ein Samen, der nach und nach eine wunderbare Pflanze treibt, die sich aufrichtet, ihre Bl?tter entfaltet, dem Weg der Sonne folgt, sprosst, bl?ht und neue Samen bildet. Es sind die einfachen Worte, die den gro?en Meister ausmachen. Lao-tses Tao te King geh?rt dazu und auch das "Wahre Buch vom s?dlichen Bl?tenland" Zhuangzis.

Zhuangzi, der im 3.-4. vorchristlichen Jahrhunderts als Zeitgenosse des Aristoteles in China lebte, verbindet in seinen Weisheiten und Gleichnissen tiefste Weisheit, Lebenserfahrung, die vollkommen zeitlos auch f?r unsere Tage gilt, Philosophie und Religion, Humor und die besondere F?higkeit, mit einfachen Worten mehrere Interpretationsm?glichkeiten zu erm?glichen.

Zhuangzis Texte kann man nicht lesen, man kann sich eher in sie hineinf?hlen. Man nimmt sie auf und dann wirken sie! Wer kennt nicht die Geschichte Zhuang Zhous, der einst tr?umte, ein Schmetterling zu sein? Als er erwachte, war er Zhuang Zhou. Nun aber die Frage: War es Zhuang Zhou, der tr?umte, ein Schmetterling zu sein, oder ein Schmetterling, der tr?umte, Zhuang Zhou zu sein? Hinter solchen Geschichten stecken existenzielle Fragen, die mit der Leichtigkeit eines Schmetterlings ergriffen, anschaulich vor Augen gestellt werden. Das von Henrik J?ger herausgegebene Buch ist etwas Besonderes. Es stellt nicht einfach eine neue ?bersetzung des "Wahren Buchs vom s?dlichen Bl?tenland" dar, sondern wirft ein neues Licht auf das Werk.

Es ist eine Eigenart des Chinesischen, dass viele Worte mehrere Bedeutungen haben, die sich oft erst aus dem Gesamtzusammenhang erschlie?en. Nun mag man die ?bersetzung noch einigerma?en bew?ltigen, oft genug bleibt aber dabei der poetische Zauber auf der Strecke.

Henrik J?ger hat eine schwierige Aufgabe bew?ltigt: Zum einen f?hrt er den Leser in die Geschichte des Zhuangzi ein. Dabei sind die Hauptthemen: Wer war Zhuangzi, aus welchen Quellen konnte er sch?pfen? Ist chinesische Philosophie dieser Zeit f?r uns ?berhaupt interessant, und wenn, inwiefern?

Darauf folgt der Hauptteil des Lesebuchs, in dem J?ger in sieben Gro?kapiteln einzelne Themen aufgreift. An den Anfang stellt er eine Geschichte oder ein Gleichnis, das sehr behutsam interpretiert wird. Zhuangzi l?sst viele Varianten zu - J?ger leuchtet in die eine oder andere Richtung, ohne den Leser in eine bestimmte Ecke zu dr?ngen. Jeder kann sich aus dem Text das herausf?hlen, was in sein Leben passt - deshalb hat Zhuangzi bis in unsere Tage nicht an Aktualit?t verloren. Wahre Worte gelten ohne R?cksicht auf Zeit und Raum, Region oder Religion, Sprache oder Hautfarbe - es sind Weisheiten, die allumfassend sind.

Der Grundfrage eines jeden Kapitels geht J?ger mit verschiedenen Texten und ihren Interpretationen nach. Beeindruckend ist nicht nur die Auswahl und die sensible Interpretation der Texte, sondern auch die Sorgfalt, mit der J?ger verschiedene ?bersetzungen mit einbezieht. Am Ende eines jeden Kapitels stellt er die Kernaussagen der vorgestellten Texte zusammen. Diese kann man in den Tag mitnehmen und in sich wirken lassen.Besonders informativ ist die Bibliographie. J?ger listet hier die Texte und Kommentarausgaben auf, nennt die ?bersetzungen und f?gt zwei Listen von Sekund?rliteratur an, eine f?r Fachleute und eine f?r Laien. Im Glossar werden chinesische Grundbegriffe (beispielsweise dao/richtige Methode, hua/Wandlung, yin-yang etc.) erl?utert.

Das ganze Buch wurde mit Sorgfalt und Liebe zusammengestellt. J?ger hat sowohl an Laien als auch an Fachleute gedacht, bleibt aber in jedem Moment verst?ndlich. Er hat durch das Werk Zhuangzis einen Weg gebahnt, dem man mit Begl?ckung und Staunen folgen kann, wobei man sich die eine oder andere Abzweigung erlauben darf.Die Worte Zhuangzis sind Kostbarkeiten, die wir in unser Leben nehmen d?rfen - dort k?nnen wir sie wachsen und bl?hen lassen. Zhuangzi sieht die Vielfalt des Lebens, und doch erz?hlt er vom Wesentlichsten. Darin kann er uns Lehrer und Wegweiser sein: "Zhuangzi durchmisst jedoch mit seinem Geist in einem Moment einen Raum von den Gelben Quellen bis hin zu den himmlischen H?hen. F?r ihn gibt es weder S?den noch Norden, in v?lliger Freiheit bewegt er sich in alle Richtungen und verschmilzt mit dem Unauslotbaren."

Eine alte, mittlerweile zerfledderte Herderausgabe "Jenseits des Nennbaren" von Lao-tse begleitet mich seit vielen Jahren. In schweren Stunden, in frohen Tagen - immer finde ich das Entsprechende darin. Mit Henrik J?gers Buch wird es sich ebenso verhalten. Es geh?rt zu den B?chern, die uns in jeder Phase des Lebens einer der willkommensten Freunde sein werden.

csc
29.07.2007

 
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Das Buch:

Henrik Jäger (Hrsg.): Mit den passenden Schuhen vergisst man die Füße … Ein Zhuangzi-Lesebuch

CMS_IMGTITLE[1]

Freiburg im Breisgau: Herder Spektrum (Band 5037)2003
156 S.
ISBN: 3-451-05037-4

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