Wissenschaften

Der Einstieg in eine nicht unumstrittene literarische Epoche, leicht gemacht

Es kann mit Fug und Recht behauptet werden, dass viele Leser den Begriff Expressionismus nur aus der Kunst und Kunstgeschichte kennen werden. Wer sich jedoch beispielsweise mit "Berlin Alexanderplatz" von Alfred Döblin oder "Die Verwandlung" von Franz Kafka beschäftigt hat, wird bei genauerer Recherche mit Sicherheit entdeckt haben, dass auch die Literaturwissenschaft eine Epoche des Expressionismus kennt, die zeitlich gemeinhin als von 1910 bis 1925 andauernd angesetzt wird. Wer sich nun näher darüber informieren will, was expressionistische Literatur auszeichnet, vor hat, sich tiefer in die Materie einzuarbeiten oder einfach nur Vorschläge für ähnlichen unkonventionell-fesselnden Lesestoff sucht, ist bei "Einführung in die Literatur des Expressionismus" von Ralf Georg Bogner mit Sicherheit an der richtigen Adresse. 

Wie Bogner im Einleitungskapitel einräumt, ist die literarische Epoche des Expressionismus bei Germanisten nicht unumstritten was ihre genaue Definition und ihr Verhältnis zur Bewegung der Avantgarde angeht, zu der sie gemeinhin als zugehörig gezählt wird. Dies bedeutet jedoch nicht, dass sich der Leser darauf vorbereiten muss, mehr Fragen als Antworten vorzufinden. Vielmehr gelingt es Bogner mit einer Aufreihung für den Expressionismus typischer literarischer Gestaltungsweisen, die auch "Berlin Alexanderplatz" sowie "Die Verwandlung" prägen, ein prägnantes, plastisches Bild der Besonderheiten expressionistischer Literatur zu schaffen, die sie von anderen Formen avantgardistischen Schaffens absetzen. 

Charakteristische Elemente expressionistischer Werke wie die starke Ablehnung des wilhelminischen Bürgertums, die Skepsis gegenüber der Industrialisierung und Urbanisierung, die Darstellung von Hässlichem und Abstoßendem sowie von Randfiguren der Gesellschaft werden anschaulich eruiert, wobei Bogner stets deutlich macht, dass besagte Elemente nicht ohne Grund in zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstandener Literatur zu finden sind. Hierbei beschränkt sich Bogner nicht nur auf expressionistische Prosa, sondern auch die Eigenarten und Gestaltungsweisen von expressionistischer Lyrik und Dramatik werden beleuchtet. Dazu werden auch Bogners Ausführungen über die Umwege, die expressionistische Autoren ob der Kompromisslosigkeit ihrer Werke beschreiten mussten, um ihr literarisches Schaffen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und die kontroverse Debatte um expressionistische Literatur zu NS-Zeiten mit Sicherheit nicht nur für eingefleischte Fans der Epoche von Interesse sein. 

All dies wird abgerundet durch eine Chronik der Bogners Meinung nach wichtigsten Werke und Autoren des Expressionismus sowie detaillierte Einzelanalysen fünf ausgewählter expressionistischer Texte, unter denen sich Alfred Döblins "Ermordung einer Butterblume" (1910) befindet. Bei zwei der fünf Werke handelt es sich zudem um Gedichte, die der Anschaulichkeit halber im Buch komplett abgedruckt vorliegen.

"Einführung in die Literatur des Expressionismus" bietet insgesamt genug Material und ausreichend Tiefgang, so dass nicht nur Leser, die sich zum ersten Mal genauer mit der Materie beschäftigen wollen, sondern auch solche, die sich bereits in sie eingelesen haben und ihr Wissen vertiefen wollen, bedenkenlos zugreifen können. Einzig und allein das Einleitungskapitel über die zahlreichen mit einer Epochendefinition verbundenen Komplikationen scheint für eine Einführung, die sich auch an Einsteiger richtet, zu ausladend und weitläufig geraten. Wer sich hiervon jedoch nicht abschrecken lässt, findet hier ein Werk vor, das in der Sekundärliteratursammlung jedes an der gleichermaßen umstrittenen wie spannenden Epoche interessierten Lesers nicht fehlen sollte.

Johannes Schaack
28.06.2010

 
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Das Buch:

Ralf Georg Bogner:
Einführung in die Literatur des Expressionismus

Bild: Buchcover Ralf Georg Bogner, Einführung in die Literatur des Expressionismus

Darmstadt: WBG Verlag 2009
160 S., € 14,90
ISBN 978-3-534-22798-3

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