Wissenschaften

Goethes Glaubensbekenntnis – auf der Suche nach dem Geist

Mit dem Buch "J. W. v. Goethe - Bekenntnisse einer schönen Seele" erhält ein großartiges literarisches Werk einen sehr wertvollen Kommentar, durch den ein bekanntes Werk in einem völlig neuen Licht erscheint. Geschrieben hat diesen Kommentar Josua Belak, der nach einem Vorwort insgesamt zehn Stufen der Entwicklung darstellt. Gemeint ist die Entwicklung der Seele, oder anders gesagt: die Veredlung der Seele aus dem Innern heraus - hin zu einem geistigen Freunde, der Rat und Hilfe in allen Lebenslagen gewährt.

Wie Belak im Vorwort erklärt, drängen sich solche Darstellungen nicht zuletzt wegen der zunehmenden Orientierungslosigkeit vieler Menschen auf. Vor diesem Hintergrund erweist es sich als wohltuend, diese vertrauliche Atmosphäre zu erleben, mit der sowohl Goethe als auch sein Kommentator das Thema angehen. Zur Vertraulichkeit die Demut und zur Demut die Öffnung gegenüber einem für Seelenfragen aufgeschlossenen Publikum.

Belaks Kommentar ist aber auch rein von der Goethe-Rezeption her ergiebig. Wenn schon ein Menschenleben nicht mehr ausreicht, um Goethe in Quellen und Darstellungen zu verfolgen, geschweige denn, ihn zu verstehen, dann ist das vorliegende Buch eine willkommene Tür. Sie öffnet sich und lässt die zehn Stufen nachvollziehen. Jedes dieser zehn Kapitel schließt mit einer Zusammenfassung. Schließlich bietet Belak noch einen Anhang, der noch andere Statements heranzieht, um das Kommentierte abzurunden. Außer den Anmerkungen und dem Stichwortverzeichnis gibt es ein Literaturverzeichnis.

Goethes Ausgangswerk "Bekenntnisse einer schönen Seele" ist 1795/96 in Berlin erschienen. Es bildet als Buch sechs einen wichtigen Teil in "Wilhelm Meisters Lehrjahren" - einem Werk, das als Urtyp eines Bildungsromans angesehen werden darf. Der Text geht auf 1777 bis 1786 entstandene Fragmente zurück, die den Lebensweg des Kaufmannssohnes Wilhelm Meister verfolgen lassen.

Belaks Kommentar folgt den Stufen, wie sie Goethe in seinem Werk darstellt - beginnend bei einem Blutsturz, der für Goethe zum einschneidenden Selbsterlebnis und zum Ausgangspunkt der Erzählung wird. Belak macht Querbezüge zu anderen Werken Goethes - hier zu "Dichtung und Wahrheit", einer ohne Zweifel genialen Überschau und literarischen Glanzleistung des Dichters. Die Krankheit, so kommentiert Belak, führt zu einer Verstärkung von Empfindung und Erinnerung, womit Goethe die ersten Hilfsmittel zu einer veränderten Wahrnehmung der äußeren und inneren Welt "gereicht" werden.

Schon die erste Stufe in Belaks Kommentar macht bewusst: Es braucht schon einige Bereitschaft seitens des Lesers, Belak - und damit Goethe - in alle Verästelungen des Nachdenkens zu folgen. Aber der Gewinn ist offensichtlich. Es dürfte letztendlich die Leistung von Belaks Kommentar ausmachen, Goethes authentische Darstellung - sein offenbares Geheimnis - strukturiert präsentiert zu haben.

Man wird sich als Leser des Kommentars auf der Stufe acht wohl fragen, welche Stellenwerte der Verstand und das Gemüt im eigenen Ich einnehmen. Wer bereit ist, in diesem Sinne betroffen zu werden, fragt ehrlicherweise auch, ob man selber so kompromisslos nach dem Edlen strebt, wie es Goethe vorgezeichnet hat.

Zum Schluss hin wird dem Leser bestätigt, dass die "Erhebung zum Geiste" nur gelingt, wenn man ein Leben führt, das im laufenden Alltag klar entscheidet, was nebensächliche Vergnügung und was von zentraler Bedeutung ist. Geordnetes Alltagsleben also wird erwartet, bestärkt durch Wissenschaft, Kunst und Religion. Auch Bibliotheken und Gesang werden genannt. Interessanterweise lässt J. W. v. Goethe die Bemerkung fallen, dass es eine besondere Aufgabe der Deutschen sei, ein gutes Beispiel davon zu geben. Man wird rätseln dürfen, ob diese Bemerkung mit der Ordnung zusammenhängt, die dem Deutschen nach landläufiger Auffassung eigen ist.

Belaks Buch erfährt durch den Anhang eine belebende Öffnung. Hier äußern sich Größen wie Meister Eckehart, Hegel und Gandhi. Ein Exkurs in freien Stücken, der sehr gut zur Denkweite Goethes passt und die Lektüre von Belaks Buch mit einem guten Gefühl abschließen lässt.

Ronald Roggen
25.05.2010

 
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Das Buch:

Josua Belak:
J. W. v. Goethe - Bekenntnisse einer schönen Seele. Ein Lehrbuch zur Erweckung der Seele, mit dem Christus in mir zu leben

Bild: Buchcover Josua Belak, J. W. v. Goethe - Bekenntnisse einer schönen Seele

Frankfurt am Main: August von Goethe Literaturverlag 2010
304 S., € 21,80
ISBN: 978-3-8372-0601-2

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