Wissenschaften

Bücherwurm Umberto Eco als Ordnungshüter

Wer viel sammelt, wer viel liest, wer die Welt begreifen will, der muss hin und wieder Ordnung schaffen. Von Homer bis James Joyce haben die großen Schriftsteller das beherzigt, auch in ihren Werken, und haben, was ihnen wichtig war, "katalogisiert", also irgendwie aufgelistet. Ob sie nun ein Festmahl auf Leinwand festhielten, eine Konzilsversammlung oder etwa ein Frauenbad, auch Maler liebten es, dabei eine Ordnung in ihren Bildern herzustellen - und so etwas auszusagen, zu Bedeutung und Rangordnung beispielsweise. Kaum jemand wäre geeigneter, über dieses kulturhistorische Phänomen anschaulicher zu plaudern als Italiens wohl bekanntester Bücherwurm Umberto Eco: "Die unendlich Liste" nennt sich so sein jüngstes Werk.

Seine riesengroße Fangemeinde mag sich nach Jahren mal wieder ein literarisches Buch aus der Feder des Autors von "Der Name der Rose" und dem "Foucaultschen Pendel" gewünscht haben. Aber nein, der 77- jährige Intellektuelle und Kulturtheoretiker hat sich in seine Bücher vergraben und in Analysen vertieft. Bereits die "Geschichte der Schönheit" wie auch das komplementäre und dabei noch faszinierendere Buch zur Hässlichkeit waren in den vergangenen Jahren schon üppig illustrierte Spaziergänge durch die Jahrtausende - dicke und schöne coffee-table-Werke auf höchstem Niveau. 

Und jetzt also die "unendliche Liste" des Mailänder Philosophen und langjährigen Semiotik-Professors. "Vertiges de la liste" heißt das auf Französisch. Denn Eco hatte ein prima Alibi, um sich für das staubtrocken anmutende Thema in seinen Bibliotheken zu vergraben: Der Louvre in Paris hatte ihn beauftragt, den ganzen trüben Herbstmonat November mit Vorträgen, Ausstellungen und Lesungen auszufüllen. Nach einem Thema seiner Wahl. Für ihn, so sagt er, keine Frage: All das, was in der Kulturgeschichte Liste, Verzeichnis oder Aufzählung war, sollte sein Sujet in Paris sein - von Homers Schiffs-Katalog in der "Ilias" über die Heiligen und Heilpflanzen in den Sammlungen des Mittelalters bis zu der Liste des ganzen Krams in der Küchenschublade des Leopold Bloom. Und damit sind wir bei Joyce und seinem "Ulysses".

"Wenn ich allein die Listen, auf die ich bei meiner Erkundung gestoßen bin, vollständig in diese Anthologie hätte aufnehmen wollen, hätte dieses Buch mindestens 1000 Seiten umfassen müssen, vielleicht noch mehr." Weil dies nicht ging und 400 Seiten genug sein sollten, begnügt sich der Sammler Eco also damit, ein "undsoweiter" anzufügen. Zumal keine Liste, ob sie nun diverse Engel, Teufel oder einfach nur Käfer hübsch katalogisieren will, je vollständig sein kann. Eines ist sicher: Wann immer Neues entdeckt oder aber sich auftürmendes Wissen unübersichtlich wird, muss versucht werden, eine Ordnung in die Dinge zu bringen, sei es nun poetisch, malerisch oder wissenschaftlich. Und je "unordentlicher" die Welt zu werden drohte, desto dringlicher war dies - oder ist es noch, vor allem im "www"-Zeitalter des Internets.

Sammelwut und Ordnungssinn, auch wenn sie vom jeweiligen Zeitgeist geprägt waren, ziehen sich durch die Kulturgeschichte wie ein roter Faden: An Winterabenden eine Fundgrube, zumindest für die wirklichen Bücherwürmer. Für die anderen bleiben zumindest die schönen Bilder.

Hanns-Jochen Kaffsack, dpa
23.11.2009

 
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Das Buch:

Umberto Eco:
Die unendliche Liste

Bild: Buchcover Umberto Eco, Die unendliche Liste.

München: Hanser Verlag 2009
408 S., € 39,80
ISBN 978-3-446-23440-6

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