Wissenschaften

Neue philosophische Untersuchung zur Wahrheit

Was ist Wahrheit? Auf welchen Wegen und in welchen Formen zeigt sie sich uns? Im Alltagsverständnis könnte man auf die Frage wohl schlicht und einfach antworten: die Abwesenheit von Lüge. Denn Wahrheit und Lüge stehen in enger Wechselbeziehung zueinander. Das eine ist ohne das andere oftmals nur schwer zu erkennen, zumindest für jene, die nicht in der Philosophie oder Logik bewandert sind. In der Logik nennt man eine allgemein gültige Aussage, die stets wahr ist, auch Tautologie. Die Logik reduziert die Wahrheit jedoch auf die Form und betrachtet Wahrheit nach Tarski als Übereinstimmung zwischen einem objektsprachlichen- und einem geeigneten metasprachlichen Bereich. Im Alltag möchten wir uns jedoch nicht immer nur an die Logik binden, sondern wir wollen spontan und in jedem Bereich unmittelbar nach der Wahrheit fragen. Wir wollen sicher gehen, wir wollen sofort wissen, ob etwas zutrifft oder nicht. Wir wollen z.B. wissen, was wahre Freundschaft ist oder ob z.B. ein Versprechen eingehalten wurde; das messen wir jedoch nicht an der Sprache oder logischen Form, sondern an der Verlässlichkeit der Freunde bzw. an den versprochenen Taten.

Reinhard Gobrecht, Mathematiker, Philosoph und Autor von Büchern über logische und ontologische Grundlagen, betrachtet das Thema Wahrheit nicht nur aus der logischen Perspektive. Das Werk "Die wohlgerundete Wahrheit" untersucht die Wahrheit umfassend aus logischer, erkenntnistheoretischer und ontologischer Sicht. Dabei stehen die Sichtweisen von Parmenides, Zenon, Platon und Plotin im Vordergrund. Andere Sichtweisen zur Wahrheit, z.B. von Aristoteles, Nikolaus von Kues, Kant, Heidegger und Popper, um nur einige zu nennen, werden ebenfalls diskutiert. Schließlich wird die Wahrheitskonzeption Tarskis beschrieben und dahingehend ontologisch verallgemeinert, dass sie auf alle Seinsbereiche und Erkenntnisbereiche zutreffen kann, denn überall kann ja nach der Wahrheit gefragt werden. Diese Verallgemeinerung nimmt der Autor in seinem Kapitel "Wahrheit und Übereinstimmung" vor.

Was ist eine Philosophie der Wahrheit? Reinhard Gobrecht versucht in 30 Kapiteln seines Buches "Die wohlgerundet Wahrheit" eine Antwort auf diese Frage zu geben. Es geht u.a. um "Wahrheit und Unendlichkeit", "Wahrheit und Ursache im Sein", "Wahrheit und Erkennen", "Abstufungen im Sein und in der Wahrheit", "Denken, Urteilen, Sein und Wahrheit", "Wahrheit, Logik und Entscheidbarkeit", "Wahrheit und Übereinstimmung", "Wahrheit und Idee" und nicht zuletzt um den "Wert und Zweck der Wahrheit. Das Thema Wahrheit wird durch viele Sichtweisen hindurch beleuchtet. Trotz aller Vielheiten, wie sich die Wahrheit auch immer zeigen kann, bleibt sie im Kern, in ihrem Wahrsein, unerschütterlich dieselbe. Gobrechts "Philosophie der Wahrheit" betrachtet die Wahrheit als eine Beziehung, eine Relation der Übereinstimmung zwischen einem Objekt- und einem Bestimmungsbereich, und dies wird in dem Kapitel "Wahrheit und Übereinstimmung" deutlich. Dabei liefert der Bestimmungsbereich bzw. die Bestimmungsebene das Idealmaß und die Objektebene das Gemessene.

Nach den Platonikern ist, in unserer empirischen Welt, Wahrheit die Übereinstimmung mit etwas anderem. Dies ist zwar eine vage, aber trotzdem auch eine sehr umfassende und tiefgründige Beschreibung der Wahrheit, die von einer einheitlichen Idee der Wahrheit in der Welt der Ideen ausgeht, und dann die Verwirklichungen der Wahrheit, in ihren Vielheiten, in unserer Welt betrachtet. Entscheidend ist die Frage: Was soll hier eigentlich übereinstimmen? Aristoteles bestimmt die Wahrheit konkreter als die Platoniker durch eine Übereinstimmungsbeziehung zwischen Rede und Sein. Bei Kant besteht die Übereinstimmungsbeziehung zwischen der Erkenntnis mit ihrem Gegenstand. Tarski definiert Wahrheit, indem er eine Korrespondenz zwischen zwei Sprachebenen festlegt, dies ist verständlich, denn Logik bleibt ja an eine objektsprachliche Form und an logische Zeichen gebunden.

Man kann in gewisser Hinsicht sagen, dass die Wahrheit in ihrer Vielheit, wie wir sie in der empirischen Welt erkennen können, sich immer wieder anders zeigt und in einem anderen: Zum Beispiel als Eigenschaft von Aussagen, Urteilen, Erkenntnissen und Theorien, aber auch Handlungen, Charaktere und sogar Dinge können Wahrheit anzeigen. In ihrer Einheit ist die Wahrheit als Wahrsein immer dieselbe, eine Beziehung, zwischen einer Norm, einem Idealmaß, einem Musterbild einerseits und einem Gemessenen andererseits. Stimmen Maß und Gemessenes in bestimmter Hinsicht überein, bewerten wir diese Übereinstimmung durch den Wahrheitswert "wahr". Gobrecht geht daher den Weg von Tarski zurück zu Platon und seine Philosophie der Wahrheit hebt daher die Warheitskonzeption Tarskis von der logischen Ebene auf die ontologische Ebene zurück. Für Philosophen, die sich mit dem Thema Wahrheit befassen, kann Gobrechts neue Untersuchung zur Wahrheit interessant sein.

Reinhard Gobrecht macht in seinem Werk ferner den Sinn und Zweck von Wahrheit deutlich. Wahrheit ist Voraussetzung für Verträge, zwischenmenschliche Beziehungen, Kommunikation, Staats- und Rechtswesen und natürlich für Wissenschaft und Forschung. Die Wahrheit ist regelrecht der Antrieb zu wissenschaftlicher Forschung. Andererseits ist die Wahrheit Voraussetzung sowohl für die Verstandestugenden als auch für die ethischen Tugenden. Während die Verstandestugenden von einem Höchstmaß an Wahrheit Gebrauch machen, kommt es bei den Charaktertugenden gerade auf das maßvolle und vernünftige Verhalten an, welches mittels Wahrheit erkannt werden kann; das richtige oder wahre Verhalten aber bedeutet eine Übereinstimmung des eigenen Charakters mit einem idealen Charakter.

Der durchkonzipierte und klar strukturierte Aufbau des Buches von Reinhard Gobrecht, abgefasst nach der philosophischen Methode More Geometrico, macht es interessant für Studierende der Philosophie. Den Studenten kann die "Die wohlgerundete Wahrheit" eine einführende Orientierungshilfe zum Thema Wahrheit sein. Das Buch stellt aber gleichzeitig auch eine neue ontologische und kritische philosophische Untersuchung zum Thema Wahrheit vor. Kritisch ist das Werk gerade auch deswegen, weil es einen Mangel der Philosophie beschreibt, welcher oft eine einheitliche Begriffsarchitektur fehlt, wohingegen diese gerade in der Mathematik oder in der Wissenschaft schon oft als selbstverständlich gegeben ist.

Auch philosophisch Interessierten, die sich nicht primär dem Studium der Philosophie verschrieben haben, sei dieses Buch als ein einladender Streifzug durch die Geschichte antiker bis moderner Wahrheitsphilosophien wärmstens ans Herz gelegt. Das Buch enthält eine umfassende Recherche zum Thema Wahrheit, die dabei keine Perspektive auslässt. Insbesondere wegen der klaren und analytischen Sprache des Autors, ist das Buch auch zum Selbststudium geeignet.

Anja Rosenthal 
28.09.2020

 
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Das Buch:

Reinhard Gobrecht: Die wohlgerundete Wahrheit. Eine Philosophie der Wahrheit

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Norderstedt: Books on Demand 2020 388 S., 30,00 ISBN: 978-3-7494-8490-4

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