Hörbücher

Eine Seefahrt, die ist lustig, …

"Passagier 23" ist die auf Kreuzfahrtschiffen gängige Bezeichnung für einen über Bord gegangenen Passagier, da jedes Jahr angeblich 23 Personen auf Kreuzfahrten spurlos verschwinden. In der Tat ist die Reise auf einem Kreuzfahrtschiff eine gute Möglichkeit, entweder unliebsame Menschen ohne viel Federlesens loszuwerden oder selbst von der Bildfläche zu entschwinden, um anderswo ein neues Leben zu beginnen. Sebastian Fitzek hat die prosperierende Kreuzfahrtindustrie als zentralen Plot für seinen neuesten Roman gewählt. "Passagier 23" lautet der Titel dieses gerade erschienenen Machwerks aus der Feder des Berliner Thriller-Autoren, dem es an Ideen nicht zu mangeln scheint und der so seine Fangemeinde beständig und kontinuierlich mit neuem Material versorgt.

Martin Schwartz hat vor einigen Jahren seine Frau und seinen Sohn auf einer Kreuzfahrt verloren. Angeblich hatte seine Frau Selbstmord begangen und, bevor sie selbst in den Tod ging, ihren Sohn auf demselben Weg über die Reling gestürzt. Der Berliner Polizeipsychologe ist seit diesem Vorfall ein psychisches Wrack und begibt sich in seinen dienstlichen Einsätzen gerne in größte und tödliche Gefahr, da er seines Lebens überdrüssig ist. Doch als ihn der Anruf einer mysteriösen Dame ereilt, die ihm einige unglaublich klingende Informationen zum Tod seiner Familie offenbart, sind seine Lebensgeister plötzlich wieder geweckt. Er verabredet sich mit der Anruferin auf der "Sultan of the Seas", demselben Schiff, auf dem Jahre zuvor seine Frau und sein Sohn ihr Ende fanden.

Sebastian Fitzek hat seit seinem Debüt "Die Therapie" im Jahre 2006 die Spitze des Rankings deutschsprachiger Thriller-Autoren im Rekordtempo erklommen, vor allem deswegen, weil es ihm gelungen ist, mit viel Bravour den Spagat zwischen Produktivität und Qualität zu meistern. Pro Jahr werden von Fitzek ein bis zwei Neuerscheinungen veröffentlicht, denen zwar allesamt der besondere Fitzek'sche Stil zu eigen ist, sich aber jedoch nie zwei Werke wie ein Ei dem anderen gleichen. Der promovierte Jurist ist ein beständiger Quell skurriler Ideen, die allerdings stets einen fundierten realen Bezug haben, den er auch geschickt in die Handlung einarbeitet. Ein Fitzek-Roman ist somit immer ein spektakuläres Erlebnis, beinahe ein kleines Happening.

In "Passagier 23" wird Schwartz auf die "Sultan of the Seas" gelockt, da er sich aufgrund der Äußerungen von Gerlinde Dobkowitz, so der Name der mysteriösen Anruferin, Hoffnungen macht, Spuren zu seiner Familie zu entdecken oder zumindest eine Erklärung zu bekommen für das, was vor einigen Jahren geschah und immer noch unerklärlich ist. Natürlich wäre es kein Fitzek-Roman, wenn nicht schon gerade die nächsten zwei Passagiere, eine Tochter mit ihrer Mutter, verschwunden wären, das verstörte Mädchen sogar wieder auftaucht und zwar mit dem Teddy von Martins tot geglaubtem Sohn unter dem Arm. Martin Schwartz schwirrt der Kopf vor lauter Theorien und möglicher Erklärungsversuche. Ist das Verschwinden von Passagieren auf der "Sultan of the Seas" etwa organisiert? Welche Rolle spielen dabei der Kapitän und der Reeder, die beide eher zwielichtig als vertrauenserweckend daherkommen? Martin stürzt sich zusammen mit der Bordärztin in die Suche nach seiner Familie und muss dabei feststellen, dass dieses Vorhaben von irgendjemandem massiv boykottiert wird.

Das vorliegende Hörbuch der über 400 Seiten starken Buchvorlage ist eine auf vier CDs und fünf Stunden gekürzte Fassung, die jedoch dem Hörer zu keiner Zeit das Gefühl gibt, dass entscheidende Handlungsstränge oder -schritte entfernt worden seien. Mit Simon Jäger hat einer der am gefragtesten deutschen Synchron- und Hörbuchsprecher den Platz am Mikrofon eingenommen. Las er Anfang der Achtziger Jahre noch Grisu, den kleinen Drachen, der immer Feuerwehrmann werden wollte, hat er sich im gesetzten Alter als Synchronsprecher einiger US-Filmstars und vor allem als beständiger Sprecher der Fitzek-Hörbücher bei Lübbe Audio etabliert. Wie immer liefert er auch in "Passagier 23" eine hochgradig engagierte und begeisternde Vorstellung ab, die mit seiner Interpretation des womöglich schweizerischen oder österreichischen Dialekts von Gerlinde Dobkowitz allerdings ein höchst bemerkenswertes Kuriosum beinhaltet. Aber für diese persönliche Erheiterung möge man sich bitte das Hörbuch selbst zu Gemüte führen!

Auch wenn in vielen Jahren bei der Bewertung der Fitzek'schen Bibliographie "Passagier 23" mutmaßlich nur als ein Zwischenwerk eingeordnet werden wird, möchten Freunde hochwertiger deutscher Thriller-Kunst im Hier und Jetzt dieses Werk garantiert nicht missen. Fitzek lässt einen über weite Strecken der Geschichte im Dunklen tappen, so dass man wirklich völlig ahnungslos versucht, die verschiedenen Hinweise zu entflechten, bis irgendwann der Umkehrpunkt erreicht ist, die Sonne der Erleuchtung aufgeht und peu à peu ein Teil perfekt zum anderen passt. Dieses Zusammenspiel von Verwirrung und Entwirrung ist ein Markenzeichen der intelligenten Thriller aus der Feder Sebastian Fitzeks, bei dem man sich keine Sorgen machen muss, dass ihm eines Tages der Stoff ausgehen wird.

Christoph Mahnel
10.11.2014

 
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Das Buch:

Sebastian Fitzek:
Passagier 23

Bild: Buchcover Sebastian Fitzek, Passagier 23

Sprecher: Simon Jäger
Köln: Lübbe Audio 2014
Spieldauer: 299 Min., € 16,99
ISBN 978-3-785-75047-6

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