Hörbücher

Wie viel Mensch verträgt die Erde?

Noah. Sein Name, der auf seinem Handgelenk eintätowiert ist, ist alles, was er über sich weiß. Eine Schusswunde schmerzt ihn, doch wie und wo ihm diese zugefügt wurde, entzieht sich seiner Kenntnis. Noahs Erinnerungen sind gleich Null: Wer ist er? Weshalb wurde er angeschossen? Warum lebt er auf der Straße? Fehlanzeige! Sein obdachloser Begleiter Oscar hatte ihn, als er angeschossen darnieder lag, aufgelesen und kümmert sich seitdem um ihn, der orientierungslos und ohne Wissen um Vergangenheit oder Zukunft ist.

Noah ist gezwungen, sich auf die Reise zu seinem eigenen Ich zu begeben. Bereits nach kurzer Zeit wird klar, dass diese sehr rasant sein wird. Die Schusswunde scheint ihn nämlich nicht zufällig ereilt zu haben. Im Untergrund Berlins finden Oscar und Noah Sicherheit, doch außerhalb haben bereits einige Gruppierungen ihre Jagd auf Noah eröffnet. Der Aufruf in einer großen Zeitung nach dem unbekannten Maler eines Bildes bewirkt in Noah die erste Erinnerung an seine Vergangenheit. Er glaubt, der gesuchte Künstler zu sein und meldet sich bei der Zeitung. Damit hat sich Noah entscheidend aus der Deckung hervorgewagt und zu erkennen gegeben. Er weiß zwar weder ein noch aus, doch merkt er, dass nur noch schnelles Handeln und die Flucht nach vorne sein Leben retten können.

Sebastian Fitzek hat sich seit seinem Thrillerdebüt "Die Therapie" vor knapp acht Jahren in den vergangenen Jahren als Deutschlands Psychothriller-Autor Nummer Eins etabliert. Seine Romane sind stets großartig konzipiert und wohl durchdacht, mit einem ernsten Hintergrundthema versehen und rasant in der Ausgestaltung. Diese Grundelemente Fitzek‘scher Romane finden sich auch in "Noah" wieder, doch wird der Kenner das Gefühl nicht los, ein untypisches Werk aus der Feder des Berliner Schriftstellers vor sich zu haben. Dies beginnt bereits mit dem Umfang des neuesten Werkes, das mit über 500 Seiten deutlich über den bisherigen Büchern Fitzeks rangiert. Auch verzichtet "Noah" darauf, den Leser in das von Fitzek bevorzugte Katz-und-Maus-Spiel zu involvieren. Falsche Fährten muss Fitzek gar nicht streuen, da der Hauptdarsteller genauso ahnungslos und blank ist wie ist der Leser zu Beginn des Buches.

Fitzek hat sich in "Noah" eines sehr ernsten Themas angenommen: Vor gut zwei Jahren hat die Menschheit die Sieben-Milliarden-Marke gebrochen, der Trend setzt sich ungebremst fort und die Weltbevölkerung steigt weiter an. Wie lange noch wird es dauern, bis der Mensch die Ressourcen der Erde erschöpft hat und sich sowie seinen Planeten zum Kollaps bringen wird? Was kann und muss getan werden, um dieses Horrorszenario zu vermeiden? Fitzek konzentriert die Möglichkeiten der Menschheit schließlich in der Frage, wieviel Mensch die Erde vertragen kann. Eine radikale Splittergruppe der sogenannten Bilderberg-Konferenz, deren Existenz real ist, hat sich der konsequenten Umsetzung einer erschütternden Lösung verschrieben. Noah ist, ohne es selbst zu wissen, ein integraler Bestandteil dieses Vorhabens und wird damit von allen Seiten mit höchster Dringlichkeit gesucht.

Das vorliegende Hörbuch ist eine komprimierte Darstellung des 560-Seiten-Wälzers auf sechs CDs. Obgleich einige Passagen aus "Noah" der Kürzung zum Opfer fielen, ist die Audio-Fassung eine in sich stimmige und nicht minder rasante Version der geschriebenen Geschichte. Ein entscheidender Grund dafür ist der Sprecher Simon Jäger. Seit Jahren ist einer der gefragtesten Synchron- und Hörbuchsprecher. Mit seiner Stimme brilliert er in "Noah" über mehr als sieben Stunden hinweg. Er beschleunigt die Handlung, macht in Dialogen die verschiedenen Charaktere für den Hörer gut unterscheidbar und transportiert dank seiner wandlungsfähigen Stimme die emotionale Seelenlage der handelnden Personen besser, als es ein Schriftsteller in Worten und auf Papier ausdrücken könnte.

Sebastian Fitzek ist für sein Vorpreschen mit neuen Ideen bereits hinlänglich bekannt. Nun sorgt er dafür, dass die Hörbuchausgabe von "Noah" mit einer Bonus-CD daherkommt. Fitzek ist nämlich der Meinung, dass nicht nur Filme, sondern auch Bücher einen Soundtrack haben sollten. Vierzehn Songs der Berliner Band "Buffer Underrun" zieren diesen ersten Soundtrack eines Buches. Das musikalische Vergnügen rundet die rasante und dramatische Jagd Noahs gelungen ab und findet beim Hörer einen dankbaren Abnehmer, da dieser nach dem Schlussakkord des Hörbuchs gerne eine Musik-CD in den Player legen wird, um von dem Trip durch halb Europa runterzukommen und sich bei passender Musik seine Gedanken machen zu können.

Mit "Noah" hat Fitzek einen Roman vorgelegt, der seinen Ruhm wie auch seinen Ruf nachhaltig manifestieren wird. Zwar hat man aufgrund der darin enthaltenen Verschwörungstheorien zeitweise das Gefühl, einem Roman aus der Feder eines Andreas Eschbach oder eines Dan Brown zu lauschen, aber gerade diese Wandlungsfähigkeit Fitzeks, nicht immer in der gleichen Soße zu schwimmen, macht ihn zu einem herausragenden Schriftsteller. Darüber hinaus regt er mit seiner radikalen Umsetzung eines sehr ernsten Themas, das die Menschheit trotz aller Bedenken und Vorwarnungen noch immer viel zu locker angeht, zum Nachdenken an. Im Nachwort, mit dem auch die Audio-Ausgabe im Inneren des Pappschubers bedruckt wurde, stellt Fitzek nochmal die wichtigsten Fakten zum drohenden Kollaps der Erde zusammen. Ob Buch oder Hörbuch, Fitzeks "Noah" ist ein "Must-have" und ein vielversprechender Start ins neue Hör- und Lesejahr 2014.

Christoph Mahnel
20.01.2014

 
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Das Buch:

Sebastian Fitzek:
Noah

Bild: Buchcover Sebastian Fitzek: Noah

Sprecher: Simon Jäger
Köln: Lübbe Audio 2013
Spielzeit: 432 Min., € 19,99
ISBN: 978-3-785-74784-1

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