Hrbcher

Der Vater aller Whistleblower

Die Dreyfus-Affäre spaltete die französische Nation gegen Ende des 19. Jahrhunderts tief und nachhaltig. Die Verurteilung der Hauptmanns Alfred Dreyfus aufgrund angeblicher Spionagetätigkeiten für Deutschland und damit des Tatbestands des Landesverrats im Jahre 1894 stand von Anfang an auf wackligen Beinen. Als sich die Zeichen mehrten, dass Dreyfus unschuldig ist und die Agententätigkeiten jemand ganz anderem zuzuschreiben waren, gab es nur wenige Bemühungen seitens der relevanten Instanzen die erfolgte Verurteilung rückgängig zu machen. Ganze fünf Jahre dauerte es, bis Dreyfus aus seiner Verbannung zurückkehren durfte - seine endgültige Rehabilitierung sogar noch länger.

Robert Harris hat für seinen neuesten Roman "Intrige" den historischen Hintergrund der Dreyfus-Affäre gewählt. Der englische Schriftsteller ist bekannt dafür, historische Vorlagen in seinen Romanen mit einer gewissen schriftstellerischen Freiheit zu verarbeiten. Extreme Ausmaße hatte dies einst in seinem vor über zwanzig Jahren erschienen Debütroman "Vaterland" genommen, wo er einen Kriminalfall im Berlin des Jahres 1964 platziert hatte und dies vor dem Hintergrund, dass Hitler den Zweiten Weltkrieg gewonnen habe und Deutschland ganz Europa beherrsche. In seinem neuesten Werk, das im englischen Original den Titel "An Officer and a Spy" trägt, hat er sich diesbezüglich zurückgehalten, die historischen Begebenheiten weitgehend belassen und nur wenig schriftstellerische Phantasie einfließen lassen.

Major Marie-Georges Picquart beschreibt in "Intrige" die Vorgänge der Dreyfus-Affäre von seiner Warte heraus, wobei er im Verlauf der Affäre schließlich eine ganz entscheidende Rolle einnehmen sollte. Zu Beginn schildert Picquart, wie er als Beobachter einer einem Ritual gleichenden Demütigung Dreyfus´ beiwohnt. Dem angeblichen Verräter werden coram publico seine militärischen Abzeichen vom Leib gerissen. Bereits zu diesem Zeitpunkt wohnt ein gewisses Mitleid in Picquart inne, weil Dreyfus scheinbar glaubhaft seine Unschuld beteuert. Picquarts Karriere schreitet in der Folgezeit voran: Er erfährt eine Beförderung zum Leiter der Statistik-Abteilung und verantwortet im Zuge dessen Geheimdienst-Operationen, die ihn tiefer in die Causa Dreyfus geleiten.

Bei diesen Geheimdiensttätigkeiten stößt Picquart schließlich über eine Spionin auf Informationen, die nahelegen, dass einst die relevanten Informationen und Geheimnisse nicht von Alfred Dreyfus, sondern von einem ganz anderen französischen Offizier übergeben worden waren. Schriftvergleiche manifestieren letztlich in Picquart die felsenfeste Überzeugung, dass Dreyfus nicht der Verfasser der Schriftstücke sein kann. Doch mittlerweile sind einige Jahre ins Land gezogen, die Dreyfus in der Verbannung, in Französisch-Guyana, unter schlimmen Haftbedingungen verbracht hat. Picquart will dennoch die Wahrheit öffentlich machen und die Unschuld Dreyfus´ beweisen. Jedoch stößt er bei seinen Bemühungen und den entsprechenden Institutionen auf massiven Widerstand, was ihn letztlich um seine Karriere sowie ihn selbst in Lebensgefahr zu bringen droht.

Marie-Georges Picquart, geboren im Jahre 1854 in Straßburg, ist ein Vorläufer der heute als Whistleblower kontrovers diskutierten Edward Snowdens oder Bradley Mannings. Somit hat Robert Harris für sein neuestes Werk nicht nur eine geschichtlich brisante Episode aufgearbeitet, sondern ein hochaktuelles Thema verarbeitet, das sich mit dem Für und Wider hinsichtlich des Gehorsams von Geheimdienstmitarbeitern auseinandersetzt. Wann müssen Geheimdienstler ihren Ländern bedingungslos gehorchen und gut gehütete Geheimnisse gegebenenfalls mit ins Grab nehmen? Und wann können oder müssen sie sich darüber hinwegsetzen? Harris porträtiert in "Intrige" Menschen, die um jeden Preis an der Macht bleiben wollen. Seilschaften, die die Mächtigen ausgelegt haben, sollen nicht gekappt werden. Stattdessen sind Außenstehende wie Alfred Dreyfus zu opfern.

Das vorliegende Hörbuch wird von Hannes Jaenicke zum Besten gegeben. Der allseits bekannte und erfolgreiche Schauspieler liest knapp sieben Stunden lang eine gekürzte Version des über 600 Seiten starken Romans. Da man Jaenicke und seine Stimme sehr gut kennt, tut er gut daran, sich dezent im Hintergrund zu halten und sich nicht stimmlich in den Vordergrund zu spielen, sondern stattdessen die Ereignisse für sich wirken zu lassen.

"Intrige" ist beileibe kein actionreiches Hörbuch, obgleich Harris bereits bewiesen hat, dass er auch auf dieser Klaviatur spielen kann. Es erinnert den erfahrenen Hörer ein wenig an Mario Vargas Llosas "Der Traum des Kelten", das mit Sir Roger Casement ein Pendant zu Picquart aus derselben Epoche bereithält. In beiden Fällen stehen Männer mit moralischen Grundsätzen im Mittelpunkt, die geduldig ihre Aussagen und Überzeugungen vertreten, beständig wiederholen und dafür sogar Freiheitsstrafen in Kauf nehmen.

Harris-Kenner werden "Intrige" als typischen Harris-Roman bewerten, da dieser zum wiederholten Male eine historischer Steilvorlage aufnimmt und gekonnt in einer Geschichte verwertet. Die eingefleischten Fans des Briten werden von diesem jedoch nun schon seit einigen Jahren hingehalten, da sie ungeduldig auf die Komplettierung seiner Cicero-Trilogie warten. Nach "Imperium" und "Titan" hat Harris nun schon vier Jahre verstreichen lassen und mit "Angst" sowie nun "Intrige" zwei Zwischenwerke eingestreut, was sicherlich mit Freude über die beiden Werke honoriert wird, aber auch mit wachsender Ungeduld beobachtet wird, denn endlich soll die Cicero-Trilogie, die gemeinhin als Harris´ Meisterwerk gesehen wird, ihre Vollendung finden.

Christoph Mahnel
11.11.2013

 
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Das Buch:

Robert Harris: Intrige. Aus dem Englischen von Wolfgang Mller

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Sprecher: Hannes Jaenicke
Mnchen: Random House Audio 2013
Spielzeit: 413 Min., 19,99
ISBN: 978-3-8371-2178-0

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