Hörbücher

Im Eisschrank des 20. Jahrhunderts

"Winter der Welt" gehört im Jahr 2012 zu den mit größter Spannung erwarteten Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt. Nach "Sturz der Titanen", dem vor zwei Jahren erschienenen Auftaktroman von Ken Folletts Jahrhundert-Saga, bildet das vorliegende Werk die diesbezügliche Fortsetzung. Der walisische Bestsellerautor spannt dabei den Bogen von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs hinüber in den Zweiten Weltkrieg. Die handelnden Personen in "Winter der Welt" sind dieselben wie im Vorgänger respektive diejenigen aus der nächsten Generation.

Ken Follett, dessen Weltruhm auf seiner begnadeten Erzählkunst basiert, hatte in den vergangenen 35 Jahren seine größten Erfolge mit Mittelalterromanen wie "Die Säulen der Erde" sowie Kriegsromanen - zuvorderst ist hier "Die Nadel" zu nennen - gefeiert. Mit "Sturz der Titanen" begann er sein bis dato mächtigstes Vorhaben, nämlich die Geschichte des 20. Jahrhunderts in eine weltumspannende Trilogie zu betten.

Daisy, die Tochter eines russischen Emigranten, genießt das Partyleben in Buffalo, ringt aber um gesellschaftliche Anerkennung, die sie später in London zu finden versucht. Der Engländer Lloyd Willams wächst in Unkenntnis um seinen wahren Vater auf, während ihn sein politisches Interesse antreibt. Er engagiert sich in der Labour Party und will die Faschisten um jeden Preis stoppen. Die deutsche Adlige Carla ist der Prototyp einer Humanistin. Obgleich ihr eine Karriere als Ärztin verwehrt wird, versucht sie sich hernach als Krankenschwester, um vielen Menschen helfen zu können. Sie ist erschrocken über den aufkommenden Faschismus, doch auch ihre Begegnungen mit dem Kommunismus können sie keineswegs überzeugen.

Ken Follett erzählt in "Winter der Welt" die Weltgeschichte einer Epoche anhand individueller Schicksale. Die betrachtete Periode beginnt im Jahre 1933, dem Jahr von Hitlers Machtergreifung, beinhaltet die gesamten Kriegsjahre und endet in den ersten Nachkriegsjahren. Dabei lässt er seine Protagonisten an Schauplätzen der Geschichte zugegen sein, wie z.B. bei dem Überfall auf Pearl Harbor, den ersten Atombomben-Tests in den USA, bei einer Rede Hitlers zum Ermächtigungsgesetz oder am D-Day bei der Landung in der Normandie. Darüber hinaus finden im Verlauf der Geschichte die einzelnen Erzählstränge auch einige Berührungspunkte.

Ken Follett überzeugt wie in vielen seiner mehr als zwanzig Vorgängerromanen mit einer sehr guten Vorbereitung auf das Thema, denn seine Darstellungen halten geschichtlichen Recherchen auf jeden Fall stand. Follett integriert in "Winter der Welt" auch historische Persönlichkeiten wie den Präsidenten Roosevelt, was eine zusätzliche Nähe zur historischen Handlung bewirkt. Der Autor schlachtet dabei nicht nur die bekannten Fakten aus, sondern schafft auch ein Bewusstsein für Begebenheiten oder Situationen, die einem mitunter nicht so geläufig sind, wie beispielsweise die Präsenz der faschistischen Bewegung im England der dreißiger Jahre.

Die vorliegende Hörbuchproduktion von Lübbe Audio überzeugt bereits durch ihre äußere Aufmachung der zwölf CDs umfassenden Box. Im Innenteil finden sich mit einem Personenregister wichtige begleitende Informationen. Der Schauspieler Johannes Steck liest schon wie beim ersten Band die Hörbuchfassung mit seiner einfühlsamen Stimme, die die Erzählkunst Folletts hervorragend transportiert, so dass man sich jede Minute und Sequenz gerne anhört. Steck arbeitet dabei anders als viele Sprecher. Er erweckt die handelnden Personen mit seinem Engagement zum Leben, ohne dass er dabei großartig seine Stimme verstellt wie bei vielen anderen Hörbuchsprechern üblich. Zusätzlich wurde das vorliegende Werk gekonnt mit musikalischen Einspielungen unterlegt, so dass die fast 15 Stunden beinahe wie im Flug vergehen.

Bei der Frage nach dem Erfolgsgeheimnis von Follett-Romanen lässt sich für "Winter der Welt" konstatieren, dass es dem Autor hervorragend gelungen ist, eine lebendige Darstellung zu entfachen, sehr detaillierte Einblicke in die Zeit zu gewähren und eine Verbundenheit mit den Charakteren zu schaffen. Man bekommt das Gefühl vermittelt, bei den geschilderten Momenten der Geschichte leibhaftig dabei zu sein. Follett lässt es sich nicht nehmen, sein eigenes Urteil über radikale Gesellschaftsformen zu fällen. Unterlegt durch die geschilderten Grausamkeiten des Krieges und des Faschismus verurteilt er jedwedes totalitäre Regime - egal ob Kommunisten oder Faschisten, ihr modus operandi mit Gewalt, Überwachung und Unterdrückung ist Follett ein Dorn im Auge.

Für Freunde historischer Romane bildet "Winter der Welt" eines der absoluten Jahreshighlights. Wer sich einmal auf die epische Breite eines Follett-Romans eingelassen hat, wird verstehen, warum die Ankündigung eines neuen Romans des Walisers jedes Mal einen Riesenwirbel verursacht. Dementsprechend wird man auch bereits in naher Zukunft Ausschau nach dem Abschlussband der Trilogie halten. Höchstwahrscheinlich in zwei Jahren, dem üblichen Abstand zwischen zwei Follett-Wälzern, wird es dann soweit sein. Laut Autor soll "Die Jahrhundert-Saga" ihren Abschluss in der friedlichen Revolution und dem Zusammenbruch des Ostblocks in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern finden - mit dem Fall der Berliner Mauer als dramaturgischem Höhepunkt.

Christoph Mahnel
08.10.2012

 
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Das Buch:

Ken Follett:
Winter der Welt. Aus dem Englischen von Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher

Bild: Cover Ken Follett, Winter der Welt. Aus dem Englischen von Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher

Sprecher: Johannes Steck
Köln: Lübbe Verlag 2012
Spielzeit: 869 Min., € 29,99
ISBN: 978-3-7857-4687-5

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