Hörbücher

Charles Bukowskis initiale Zündung

Henry Chinaski lebt am unteren Ende der US-amerikanischen Gesellschaftsleiter der Nachkriegsjahrzehnte. Er hält sich finanziell mit Gelegenheitsarbeiten mehr schlecht als recht über Wasser und verdient gerade genug, um seinen Lastern zu frönen. Henrys Alkohol- und Frauenkonsum ist hemmungslos, zudem gerät er immer stärker in den Sog seiner Wettleidenschaft. Bei der Post heuert Chinaski des Öfteren an, mal als Sortierer von Briefen oder auch als Briefträger, was namensspendend für das vorliegende Werk war: "Der Mann mit der Ledertasche". 

Charles Bukowski wurde 1920 im rheinischen Andernach geboren, mit seiner deutschen Mutter siedelte er allerdings bereits sehr früh in die Vereinigten Staaten über. Auch Bukowski verdingte sich ähnlich wie Henry Chinaski viele Jahre seines Lebens als Gelegenheitsarbeiter, bevor er erst relativ spät zur Schriftstellerei gekommen war. "Der Mann mit der Ledertasche" von 1971 markiert sein Debüt als Prosaschriftsteller, zuvor hatte sich Bukowski lediglich mit ein paar Gedichtbänden einen Namen gemacht. 

Die Person des Henry Chinaski ist Charles Bukowskis Alter Ego: Genau wie er raucht, säuft, zockt und hurt Chinaski herum. Interessanterweise ließ Bukowski sein zweites Ich in vielen seiner Romane auftreten, u. a. auch in "Barfly" und "Factotum". Letztere sind in Deutschland ob ihrer Verfilmungen mit Mickey Rourke bzw. Matt Dillon in den Hauptrollen bekannt. 

Das vorliegende Hörbuch enthält die erste deutschsprachige Vertonung von Bukowskis Kult-Roman. Mit Matthias Brandt als Sprecher ist dem Kunstmann Verlag eine glänzende Besetzung gelungen. Die stimmliche Lage seiner Lesung wirkt handlungsauthentisch und reflektiert gekonnt die Gelassenheit und zugleich die Zügellosigkeit der Hauptperson. Das Hörbuch über vier CDs wird in einer netten kleinen Box ausgeliefert. Diese und die vier Papphüllen sind mit kunstvoll gestalten, comicartigen Covern versehen. Als Zugabe findet sich im beigelegten Booklet der Abdruck von Auszügen eines "Playboy"-Interviews von Charles Bukowski mit Jörg Fauser aus dem Jahre 1977. 

Der ehemalige Underground-Klassiker hat auch vierzig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung nichts von seinem provokanten und zugleich subtilen Charme verloren. Bukowski analysiert schonungslos die breite Mitte der US-amerikanischen Gesellschaft am Rande des Existenzminimums, er nimmt den konservativen Regelwahn der dortigen Staatsbetriebe aufs Korn und führt dessen abstruse Vorschriften ad absurdum. Dem interessierten Hörer, der noch keine oder nur wenig Erfahrung mit Bukowskis Werken hat, sei auf jeden Fall vorab mitgeteilt, dass "Der Mann mit der Ledertasche" einem einfühlsamen Frauenroman diametral gegenübersteht. Schließlich sind die Sprache und die Lebensweise Chinaskis schlicht vulgär, wenn auch höchst unterhaltsam. Frauen sind für den Antihelden Chinaski zumeist Objekte der Begierde, was ursächlich seiner Unfähigkeit geschuldet scheint, langfristige und über die sexuelle Anfangseuphorie hinausgehende Beziehungen eingehen zu können. 

Für Bukowski wurde lange ein geeigneter Platz in der Literaturwelt gesucht. Im Amerika der Siebziger und Achtziger Jahre war er meist Stein des Anstoßes und bei nicht wenigen verpönt. Doch post mortem kommen ihm die Anerkennung und der gerechte Lohn für seine Werke zugute. Gekonnt schließt das vorliegende Hörbuch mit den Worten Chinaskis, die gleichsam die Initialzündung für Bukowskis erfolgreiche Schriftstellerkarriere waren: "Am nächsten Morgen war die Nacht vorbei und ich war noch am Leben. Vielleicht schreibe ich einen Roman, dachte ich. Und dann schrieb ich ihn." 

Christoph Mahnel 
02.05.2011

 
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Das Buch:

Charles Bukowski:
Der Mann mit der Ledertasche. Aus dem Englischen von Hans Hermann

Bild: Cover Charles Bukowski, Der Mann mit der Ledertasche

Sprecher: Matthias Brandt
München: Kunstmann Verlag 2011
Spielzeit: 297 Min., € 19,90
ISBN: 978-3-88897-711-4

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