Hörbücher

Eine große Liebe im Störfeuer des Zweiten Weltkriegs

Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs kreuzen sich in der Spanischen Akademie in Rom die Wege der beiden Bürgerkriegsflüchtlinge José und Montserrat. Während in Spanien bereits seit geraumer Zeit der Bürgerkrieg tobt, verdichten sich auch im restlichen Europa die Zeichen auf das bevorstehende Unheil. Bei Recherchen in der Institutsbibliothek stoßen die beiden auf einige zugleich geheimnisvolle und wertvolle Bücher, von denen sie sich erhoffen, sie für die Akademie zu Geld machen zu können. Großes Interesse und eine äußerst generöse Entlohnung erfahren sie dabei durch die zwielichtige Gestalt des Fürsten Junio, der José und Montserrat sogleich für weitere Botengänge und spionagenahe Aktivitäten einspannt.

Letztlich ist es die dem vorliegenden Werk den Titel spendende "Karte Gottes", an der Junio vorrangig interessiert ist. Diese sagenumwobene Karte stellt angeblich ein bedeutendes Instrument in der Hand der Mächtigen dar. Somit erklären sich auch das Interesse der Nazis und ihrer faschistischen Gefolgsleute in Italien sowie deren kompromisslose Suche nach dieser Karte. Was sich vordergründig nach einem klassischen Spionageroman rund um den Zweiten Weltkrieg anhört, der gespickt ist mit den erfolgversprechenden Zutaten Nazis, katholische Kirche und Vatikan, ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Vielmehr ist Calderóns Erstling eine gelungene Kombination von vielem: "Die Karte Gottes" ist sowohl ein auf geschichtlichen Fakten gebetteter historischer Roman, dabei gewiss auch eine Spionagegeschichte, vor allem aber eine Liebesgeschichte, bei der zwei Männer um das Herz einer Frau ringen.

"Die Karte Gottes" gibt einem das Gefühl, als habe Zafón unter Anleitung von Daniel Silva und Jörg Kastner einen Roman geschrieben. Dass der herausgebende Verlag "Die Karte Gottes" als einen "Spionage-Roman" klassifiziert hat, mutet schon ein wenig irritierend an, da Calderóns Sprache viel zu sehr Literatur ist, als dass es auf dieses Genre reduziert werden sollte. In der vorliegenden Hörbuchfassung unterstreicht Frank Muth die sprachliche Gewalt Calderóns mit seiner sonoren Stimme auch akustisch.

Leser und Hörer werden gefangen von diesem anderthalb Dekaden umfassenden Roman und der niemals gänzlich perfekten Liebe zwischen José und Montserrat. Calderón gibt einem darüber hinaus hinsichtlich der undurchsichtigen Rolle des Nebenbuhlers Junio einige Rätsel auf. Historisch interessant ist die Schilderung der Kriegsjahre aus einer spanisch-italienischen Perspektive, die größtenteils andere Eckdaten und Schwerpunkte kennt als die dem hiesigen Hörer geläufige deutsche Geschichte.

Calderón hat einen breit gefächerten Plot konstruiert, dabei aber noch genügend Raum gelassen für eine dramatische, beinahe schon tragische Wendung. Aufgrund seiner gelungen umgesetzten Vielfältigkeit hat "Die Karte Gottes" auf einem sowohl für Spionagethriller oder auch Liebesgeschichten im Mantel des Zweiten Weltkriegs gesättigten Büchermarkt definitiv seine Daseinsberechtigung. Nicht zuletzt hat der audio media Verlag hat wieder einmal ein gutes Gespür für die Vertonung eines hörenswerten und sprachlich anspruchsvollen Romans bewiesen und liefert mit 6 CDs und 435 Minuten viel Ohrfutter für kleines Geld. Die literarische Kraft eines Emilio Calderóns hat die Literaturszene aufhorchen lassen und gibt berechtigte Hoffnungen auf Wiederholungstaten des fünfzigjährigen Spaniers.

Christoph Mahnel
05.07.2010

 
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Das Buch:

Emilio Calderón:
Die Karte Gottes. Aus dem Spanischen von Luis Ruby

Bild: Cover Emilio Calderón, Die Karte Gottes

Sprecher: Frank Muth
München: audio media Verlag GmbH 2009
Spielzeit: 435 Min., € 19,90
ISBN 978-3-86804-508-6

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