Hörbücher

Großes Kino auf dem Stoppelsberg

Konrad Zuse ist wohl der Deutsche, bei dem das Verhältnis von Bedeutung und Bekanntheit maximal ungerecht ist. Zuse war es nämlich anno 1941 in den Kriegswirren Berlins gelungen, mit der Z3 die weltweit erste universelle Rechenmaschine, neudeutsch für Computer, zu entwickeln und zu bauen. Er war derjenige, der das erste funktionstüchtige Exemplar jener Gerätschaft, die sich heutzutage bei jedermann am Arbeitsplatz oder auf dem heimischen Schreibtisch befindet, ersonnen und unter schwersten Bedingungen in Fleisch und Blut gegossen hat.

Genau dieser Konrad Zuse, geboren in Berlin im Jahre 1910, hat durch Friedrich Christian Delius mit "Die Frau, für die ich den Computer erfand" eine mehr als verdiente Würdigung erfahren. Nicht dass Zuse zeit seines Lebens gänzlich ungewürdigt blieb, was seine acht Ehrendoktortitel und der sechzehnte Platz in der Fernsehsendung "Die größten Deutschen" belegen, dennoch wird die ungewöhnliche literarische Aufarbeitung von Zuses Biografie durch Delius diesem Genie mehr als gerecht. Ein Journalist, zugleich eine mathematische Niete, trifft sich mit Konrad Zuse in einer Vollmondnacht im Sommer 1994 auf dem Stoppelsberg in der hessischen Rhön, einen Steinwurf entfernt von Hünfeld und Bad Hersfeld, wo Zuse nach dem Zweiten Weltkrieg seine Firmenzelte aufgeschlagen hatte. Dabei kommt der Journalist, wohl das Alter Ego Delius´, der in Wehrda am Fuße des Stoppelsbergs aufgewachsen ist, nicht zu Wort, sondern es ist Zuse, der aus seinem Leben erzählt und erzählt. Zwischenzeitlich teilt er aus, insbesondere seinem Gegenüber ob dessen angeblich fehlenden mathematischen Verständnisses, er lamentiert und klagt, verweist aber darauf, dass er gar nicht lamentiert und klagt. Dabei klebt der Hörer an Zuses Lippen und lauscht der fantastischen Geschichte, die dieser Mann ohne Punkt und Komma zu erzählen hat.

Delius hat eine äußerst ungewöhnliche Präsentationsform für eine Biografie gewählt. Er hat den gewöhnlich von Biografen gewählten Entstehungsprozess für die eigentliche Biografie gewählt, die Interviews mit dem zu Biografierenden selbst. Dabei handelt es sich hier um ein einziges fiktives Interview mit Zuse auf dem Stoppelsberg über eine ganze Nacht hinweg. Der zwischen Oberstoppeln und Unterstoppeln gelegene Berg ist dabei nicht umsonst gewählt, war es doch ein von Zuse zeitlebens sehr geschätztes Refugium. Im Interview selbst kommt ausschließlich Zuse zu Wort, einmal angepiekst ist er nicht zu stoppen und lässt sein Leben größtenteils chronologisch in einem Rutsch Revue passieren. Dabei kennt er kaum Struktur, so dass auch die einzelnen Tracks auf den drei CDs keine Sinnzusammenhänge widerspiegeln, da Zuse einfach über sie hinweg spricht.

"Die Frau, für die ich den Computer erfand" thematisiert Zuses große Liebe zu Ada Lovelace. Ada lebte im England des 19. Jahrhunderts, war die Tochter von Lord Byron und Mitarbeiterin des englischen Mathematikers Charles Babbage. Darüber hinaus gilt sie als Pionierin in Sachen Computerprogrammierung, und dies ohne damals überhaupt eine Idee von Computern gehabt zu haben. Diese über die Jahrhunderte reichende Liebe war laut Delius der große Antrieb Zuses bei der Entwicklung seiner Rechenmaschinen. Zuse berichtet von seinen stillen und permanenten Dialogen mit Ada und ist sich sicher, dass Ada in den letzten Kriegstagen beim Abtransport der Z4 aus Berlin ins beschaulichere Allgäu ihre schützende Hand über ihn und die Z4 gehalten hat. Zumindest diese im Mittelpunkt stehende Liebe entspringt der künstlerischen Freiheit des Autors.

Die dieser Tage im Kunstmann Verlag erschienene Hörbuchfassung hat gegenüber der gedruckten Version den großen Vorteil, dass einen die Geschichte viel eindringlicher erreicht, als das Lesen eines Buches dies vermag. Großen Verdienst daran trägt der gelungene Vortrag durch den Autor selbst. Eine Autorenlesung schafft Authentizität, und selbst der leicht lispelnde Zungenschlag Delius´ stört nur zu Beginn. Delius schafft dabei eine einzigartige Symbiose aller Beteiligten - ob Sprecher, Autor, Journalist oder Zuse selbst, alles verschmilzt und wird eins. Die gelegentlichen Ansprachen Zuses an den Journalisten bewirken eine Betroffenheit beim Hörer, da er sich von Zuse zurechtgewiesen fühlt. Delius ist mit "Die Frau, für die ich den Computer erfand" ein sehr erfolgreiches Experiment gelungen, um die Vita eines Technokraten maximal erfrischend zu erzählen.

Christoph Mahnel
26.04.2010

 
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Das Buch:

Friedrich Christian Delius:
Die Frau, für die ich den Computer erfand

Bild: Cover Friedrich Christian Delius, Die Frau, für die ich den Computer erfand

Sprecher: Friedrich Christian Delius
München: Kunstmann Verlag 2010
Spielzeit: 193 Min., € 19,90
ISBN: 978-3-88897-656-8

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