Hörbücher
Drei ganze Menschenleben
Anfang der Neunziger Jahre verbringt Nora ihren Lebensabend in Kühlungsborn an der Ostsee. Nach dem Tod ihres Mannes lebt sie dort alleine und ist mit Hund und Garten beschäftigt. Doch da treffen beinahe zeitgleich zwei Schreiben ein, die ihr Leben in Wallung versetzen. Zum einen verlangt die Rentenversicherung jahrzehntealte Beschäftigungsnachweise, und zum anderen kündigt ein Neffe aus Nürnberg seinen Besuch an. Nora beginnt mit den Aufzeichnungen ihrer Lebensgeschichte und setzt dabei Anfang der dreißiger Jahre an, als sie als Schwester in einem Kinderheim arbeitete und dort schleichend in Erfahrung bringen konnte, dass Kinder mit körperlichen und geistigen Einschränkungen abgeholt und in ein anderes Heim gebracht wurden. Als Nora von dortigen Schwestern hört, dass einige ihrer früheren Kinder kurz nach Ankunft verstorben sind, bekommt sie eine Ahnung darüber, welch grausame Machenschaften hier vonstattengehen.
Im Grenzgebiet zu den Niederlanden erlebt die junge Lene zur gleichen Zeit ihre erste große Liebe. Joop, ein holländischer Junge, hat ihr Herz erobert, doch missfällt Lenes Eltern diese Beziehung, woraufhin sie Lene in einen Haushalt nach Ratingen beordern. Dies ist der Beginn einer Achterbahnfahrt im Leben von Lene. Zwar lernt sie dort einen anderen Mann kennen, den sie auch heiratet und mit dem sie drei Kinder hat. Doch nachdem dieser im Kriegsverlauf fällt, muss sie die Kinder alleine groß ziehen. Insbesondere sorgt sie sich um Leo, ihren ältesten Sohn, der stottert und in seiner Entwicklung zurückgeblieben ist. Gegen Lenes Willen wird Leo in ein Kinderheim gebracht, doch droht ihm dort der Weitertransport in eine der gefürchteten Anstalten. Leos einzige Chance besteht in einem couragierten Eingreifen von Nora, Lenes Cousine, die dort arbeitet und weiß, was Leo angetan werden soll.
"Lebensbande" lautet der Titel des neuesten Romans von Mechtild Bormann. Seit knapp zehn Jahren hat die Erfolgsautorin ein Rezept entdeckt, in dem sie stets gekonnt die Zutaten variiert. Nach "Trümmerkind", "Grenzgänger" und "Feldpost" operiert nun auch "Lebensbande" mit Rückblicken in die Zeit des Nationalsozialismus, des Zweiten Weltkriegs und in die Nachkriegszeit, spannt schließlich einen Bogen über rund ein halbes Jahrhundert und fügt die Fäden verschiedener Handlungsstränge peu à peu zusammen. Hier sind es nun mit Nora, Lene und Lieselotte drei Frauen, die ihre besten Jahre im Zeichen des Schreckens verbringen mussten, aufwuchsen in der Zeit des Nationalsozialismus und sich durch die Wirren des Zweiten Weltkriegs schlagen mussten. Dabei kann ein Menschenleben so viel Schuld auf sich laden, dass selbst am Lebensabend ein Brief ausreicht, um es zu erschüttern.
Das vorliegende Hörbuch wurde vom Argon Verlag als ungekürzte Lesung auf einer mp3-CD produziert. Gut sieben Stunden lang unterhalten die beiden Sprecherinnern den gebannt und schockiert lauschenden Hörer nachhaltig. Mit Vera Teltz agiert eine altbekannte Vorleserin am Mikrofon, denn die Schauspielerin und Sprecherin hat bereits einige von Mechtild Borrmanns Romanen vertont. Zu ihr gesellt sich mit Johanna Zehendner eine weitere Sprecherin. Die beiden teilen sich die zwei Erzählstränge um Lene und Nora auf, so dass die beiden Handlungen mit unterschiedlichen Stimmen versehen werden. Dies hilft dem Hörer enorm, um stets die Einordnung von Zeit, Ort und handelnden Personen besser vornehmen zu können. Auch nach dem letzten Track des Hörbuchs hallen die Ereignisse eines guten halben Jahrhunderts immer noch im Kopf des Hörers nach.
Mechtild Borrmann stammt selbst vom Niederrhein, weswegen sie die Handlung ihrer Romane gerne in eben diese Gegend verlagert. Die Autorin versteht sich hervorragend darin, viele wegweisende Ereignisse in die Leben ihrer Protagonistinnen zu verfrachten und deren innere Zerrissenheit darüber nachvollziehbar zu machen. Kluge Konstruktionen verschiedener Handlungsstränge in unterschiedlichen Zeitebenen sind ihr Markenzeichen, was dem Hörer Aufmerksamkeit abverlangt, die dieser aber gerne investiert, da Romane von Mechtild Borrmann stets ein Stück deutscher Geschichte intensiv behandeln und aufzeigen, welche Herausforderungen einem Menschen in einem Menschenleben auferlegt werden können.
Christoph Mahnel
12.01.2026
