Hrbcher

Allein in Berlin

Fritze Thormann hat in seinem noch jungen Leben bereits viel durchleiden müssen. Geboren wird er im Jahre 1921 zu Zeiten der Weimarer Republik und wächst in den immer düster werdenden Jahren des Dritten Reichs heran. Als Waisenkind hat er zwar außerordentliches Glück, von Gereon Rath und Charly Ritter als Pflegekind aufgenommen zu werden. Doch währt dieses nur kurz, da die von den Nazis kontrollierten Jugendämter Fritzes "Eltern" argwöhnen, worauf Fritze schließlich bei linientreuen Nazi-Eltern landet. Deren Gebaren und Überzeugungen sind Fritze ein Graus, so dass er im Nachgang einiger gefährlicher Vorfälle während der Olympischen Spiele in Berlin schließlich auf der Straße landet und fortan sein Leben auf eigene Faust bestreitet.

Im Herbst 1936 hat der fünfzehnjährige Fritze sein Leben bereits wieder unter Kontrolle bekommen. Mit falschem Nachnamen ausgestattet hat er Arbeit bei einem Kohlenhändler gefunden und Aussicht auf eine kaufmännische Lehrstelle. Doch bei einem Auslieferungsauftrag steht Fritze urplötzlich einem Mann gegenüber, den er aus seinen Erlebnissen während der Olympischen Spiele in äußerst unguter Erinnerung behalten hat. Dessen Blick nun im Treppenhaus lässt Fritze erschaudern. Als schließlich Fritzes Kollege bei einem tragischen Unglück ums Leben kommt, ist dem Jungen klar, dass dies kein Unfall war und dieser Anschlag definitiv ihm gegolten haben muss. In seiner Verzweiflung weiß Fritze nur einen Ausweg aus seiner lebensbedrohlichen Bredouille, nämlich seine einstige Pflegemutter Charly um Hilfe zu bitten.

Bei den genannten Namen ist es natürlich klar, dass es sich hierbei um die Protagonisten aus Volker Kutschers Erfolgskosmos im Berlin der dreißiger Jahre handelt. Die Serie aus der Feder des Kölner Schriftstellers hat in den letzten Jahren durch die Verfilmung als Hochglanzserie "Babylon Berlin" weitere Beschleunigung erhalten. Kutscher und seine Gereon-Rath-Reihe gehören zu Deutschlands erfolgreichsten Buchproduktionen der Gegenwart. Nun wartet er mit einer Kurzgeschichte auf, die außerhalb des eigentlichen Kanons läuft: "Mitte" spielt einige Wochen nach den Olympischen Spielen und damit im Anschluss an "Olympia", den bisher achten Roman um Gereon Rath und Charly Ritter. Es greift Fritzes Flucht aus seiner Nazi-Familie auf, genauso wie das ungeklärte Verschwinden Gereon Raths, der nach einem Schusswechsel und seinem Sturz in den Landwehrkanal für tot gehalten wird.

"Mitte" ist sowohl mit 128 Seiten als sehr überschaubares Büchlein erschienen als auch als Hörbuch bei Osterwold Audio. Zwei CDs mit einer Gesamtlaufzeit von gut zwei Stunden lassen sich im Vergleich zu den sonstigen Lesungen der Romane Kutschers schnell mal nebenbei konsumieren. Der Autor hat für die Form von "Mitte" eine sehr interessante Variante gewählt, indem er ausschließlich Briefe verwendet. Die überwiegende Mehrzahl stammt aus der Feder Fritzes an Charly und an Hannah, eine Freundin aus früheren Zeiten, die vor drei Jahren aus Berlin geflohen war und mittlerweile in Breslau Fuß gefasst hat. Für die Lesung zeichnet ein Trio erfahrener Sprecher verantwortlich, wobei die Briefe Fritzes sehr authentisch in herrlichstem Berliner Dialekt vorgetragen werden. Natürlich hat der Autor damit zu kämpfen, die Geschehnisse angemessen darzustellen, wenn lediglich eine Person an zwei andere per Brief kommuniziert. Dank gut eingefädelter Rückgriffe auf deren Antworten meistert Kutscher diese Herausforderung ganz famos.

Obgleich die Box mit den beiden CDs sehr schön fabriziert daherkommt und dieser ein wunderbar von Kat Menschik illustriertes Booklet beiliegt, sind 20 Euro dafür und damit ein nach jeweils sechs Minuten fällig werdender Euro schon recht stattlich. Für Fans der Gereon-Rath-Reihe ist "Mitte" dennoch ein absolutes Muss. Es verkürzt die Wartezeit auf das nächste Buch und sorgt mit einigen kleinen Entwicklungen als Steilvorlage dafür, dass der neunte Roman der Reihe hochbrisante Entwicklungen zu Tage fördern wird. Es ist nämlich keineswegs abwegig, davon auszugehen, dass der totgeglaubte Gereon Rath wie einst Gandalf in Mittelerde wieder lebendig auftauchen wird. Schließlich sollen laut Autor noch zwei weitere Bände folgen, um der Reihe einen würdigen Abschluss zu bereiten. Doch "Mitte" macht bereits deutlich, dass sich die Wolkenfront über Berlin immer weiter zuzieht.

Christoph Mahnel 
13.12.2021

 
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Das Buch:

Volker Kutscher: Mitte

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Sprecher: Leonard Scheicher, Walter Kreye und Felix von Manteuffel Hamburg: Osterwold Audio 2021 Spielzeit: 128 Min., 20,00 ISBN: 978-3-86952-525-9

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