Hrbcher

Gemetzel am "Schlachterkai"

Jonah Colley, ein in die Jahre gekommener und vom Leben gebeutelter Polizist, erhält eines Abends urplötzlich einen Anruf von Gavin, der ihn eindringlich bittet, sofort zum "Slaughter Quai" zu kommen. Gavin war früher einmal Jonahs bester Freund, doch hat er jahrelang nichts mehr von ihm gehört, nachdem sich ihr Kontakt verloren hatte. Jonah folgt dem Ruf Gavins ohne Zögern, da er die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat, das ein Jahrzehnt zurückliegende Verschwinden seines Sohnes Theos doch noch aufklären zu können. Der plötzliche Anruf Gavins müsse damit zu tun haben und könne ihm womöglich eine Erklärung liefern, so Jonahs Gedankengänge. Am "Slaughter Quai" angekommen, sieht sich Jonah einer gespenstischen Atmosphäre ausgesetzt, die darin gipfelt, dass er zunächst zwar nicht Gavin antrifft, aber doch mehrere als Kokons verpackte Leichen aufspürt. Doch bevor sich Jonah orientieren und organisieren kann, bricht ein Gewaltexzess über ihn herein.

Jonah findet sich mit zahlreichen Knochenbrüchen ziemlich malträtiert, aber glücklicherweise noch am Leben, in einem Krankenhaus wieder. Die Polizei hat ihre Ermittlungen aufgenommen, kann Jonahs Schilderung der Geschehnisse aber nur sehr bedingt folgen. Zu unglaubwürdig klingt Jonahs Motivation, nach so vielen Jahren Gavins Ruf sofort zu folgen, um an einem düsteren Abend an einem Ort aufzutauchen, der mit einigen Leichen übersät ist, darunter auch Gavins. Im Zuge der Trauerfeier um Jonahs ehemals besten Freund kochen schließlich die ganzen Emotionen wieder hoch, über die die Zeit einen leichten Mantel der Verschleierung gelegt hatte: Theos Verschwinden, der anschließende Bruch in Jonahs Ehe und das Ende einer Männerfreundschaft. Darüber hinaus ist Jonah in einer prekären Erklärungsnot, die ihn zum Handeln zwingt: Er hat die Aufklärung des Falles in seine eigenen Hände zu nehmen.

"Die Verlorenen" heißt der neueste Thriller aus der Feder Simon Becketts. Ja, genau der Simon Beckett, dessen herausragender schriftstellerischer Erfolg unzweifelhaft mit David Hunter verknüpft ist. Zwar schreibt der englische Journalist schon seit gut einem Vierteljahrhundert Bücher, doch bekannt wurde er schließlich erst vor anderthalb Jahrzehnten mit dem Erscheinen von "Die Chemie des Todes", dem ersten Thriller aus der Reihe um den forensischen Anthropologen David Hunter. Inzwischen sind auf dieses Werk fünf weitere Bücher gefolgt, die sich allesamt dauerhaft auf den Spitzenplätzen der Charts einrichten konnten. Nun versucht sich Beckett mit der Etablierung einer neuen Reihe um besagten Jonah Colley. Ob dieser Figur ein ähnlicher Erfolg beschieden sein wird wie David Hunter, wird sich erst noch zeigen müssen. Schließlich geht das Erscheinen von "Die Verlorenen" gleichermaßen mit einer außerordentlichen Erwartungshaltung sowie großen Vorschusslorbeeren einher.

In den Kategorien eines Simon Becketts ist die parallele Veröffentlichung verschiedener Formate natürlich selbstredend, so dass die vorliegende Hörbuchfassung in Form zweier mp3-CDs eine sehr attraktive Variante zur Buchform darstellt. Als autorisierte Lesefassung vom herausgebenden Argon Verlag deklariert, unterhält die Lesung durch Johannes Steck den Hörer über gut zehn Stunden und ist somit nur etwas gekürzt gegenüber der als Download erhältlichen ungekürzten Lesung, die sich über etwas mehr als elf Stunden erstreckt. Steck als absoluter Hörbuchprofi bringt die atmosphärische Beklemmung in "Die Verlorenen" stimmlich hervorragend rüber, mit seiner Erfahrung aus unzähligen Lesungen für Ken Follett oder auch schon für Simon Beckett hat seine Stimme darüber hinaus einen hohen Wiedererkennungswert.

Während Beckett mit David Hunter und dessen Profession als Anthropologe einst neue Wege eingeschlagen hatte, bemüht er mit der Person des Jonah Colley durchaus ausgelatschte Pfade. Sein neuer Protagonist erfüllt vielfach ausgeschlachtete Klischees wie den traumatisierten und ernüchterten Polizisten, dessen Ehe gescheitert ist und der sich fortan als Einzelkämpfer durch Leben und Job schlägt. Doch beweist Beckett auch an dieser neuen Figur sein Ausnahmetalent als Erzähler und Spannungsmacher. "Die Verlorenen" setzt sich dadurch deutlich ab vom Mainstream der Cop-Thriller und macht schon jetzt Lust auf die Fortsetzungen, denn dies wird am Ende des ersten Buches bereits klar: Jonah Colleys Achterbahnfahrt durchs Leben geht weiter!

Christoph Mahnel 
27.09.2021

 
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Das Buch:

Simon Beckett: Die Verlorenen. Aus dem Englischen von Karen Witthuhn und Sabine Lngsfeld

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Sprecher: Johannes Steck Berlin: Argon Verlag 2021 Spielzeit: 619 Min., 24,95 ISBN: 978-3-8398-1850-3

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