Hrbcher

Kaltbltig und uneinsichtig

Josef Mengele war der gefürchtete Lagerarzt von Auschwitz. Bei der Ankunft neuer Häftlinge stand er Opernarien pfeifend an der Todesrampe, wo er den Weg nach rechts oder links wies, entweder zur Lagerarbeit in die Baracken oder direkt in die Todeszellen. Seine kaltblütige Ausstrahlung hat ihm den Beinamen "Der Todesengel von Auschwitz" verpasst. Nach Kriegsende gelang Mengele über die "Rattenlinie" die Flucht nach Südamerika. Dort sollte er noch drei Jahrzehnte als freier Mann verleben. Wechselweise weilte er unter gefälschten Identitäten in Paraguay, Argentinien und Brasilien, wo er schließlich Anfang 1979 bei einem Badeunfall verstarb. Von dem Umstand, dass Mengele tatsächlich tot war, erfuhr die Weltöffentlichkeit erst sechs Jahre später. Ein handfester forensischer Beweis in Form einer DNA-Analyse wurde erst im Jahre 1992 nachgeliefert und konnte die restlichen Zweifel beseitigen.

Obgleich Mengele jahrzehntelang unbehelligt in Südamerika leben konnte, lässt sich seine Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg aufgrund des umfangreichen Nachlasses in Form von Tagebüchern sehr gut rekonstruieren. Der französische Autor Olivier Guez hat auf dieser Basis und dank weiterer Informationsquellen einen Tatsachenroman verfasst, der sich mit dem Abtauchen Josef Mengeles befasst: "Das Verschwinden des Josef Mengele" beschreibt in seinem Kern die Zeit ab 1949, als "Helmut Gregor" aka Josef Mengele in Genua an Bord eines Schiffes mit dem Ziel Buenos Aires ging. Abgesehen von einigen Rückblenden in Mengeles Vergangenheit erzählt Guez fortan das Exil Mengeles in chronologischer Form. Dabei begegnet er weiteren gruseligen Gestalten des Dritten Reichs wie Adolf Eichmann, der später vom Mossad aufgespürt und gekidnappt werden sollte, oder Hans-Ulrich Rudel, einem prominenten Wehrmachtsoffizier, der sich als Organisator eines Netzwerks alter Weggefährten hervortat.

Obgleich der Autor an keiner Stelle wissentlich von der bekannten Faktenlage abweicht, hat er sich mit der Wahl der Romanform Spielraum geschaffen, um nicht-dokumentierte Gespräche oder Treffen so darzustellen, wie sie sich seiner Meinung nach hätten abspielen können. Beim geneigten Leser bzw. beim Hörer des vorliegenden Hörbuchs findet diese Form Anklang, da er auf diese Weise sehr lebhaft vor Augen geführt bekommt, wie die Verbrecher des Zweiten Weltkriegs fern ihrer ursprünglichen Heimat weiterhin dachten und fühlten. Insbesondere Mengele lässt keine Anzeichen von Reue erkennen noch scheint er Gedanken daran zu verschwenden, dass er Hitlers Ideologie, den Holocaust oder den Krieg auch nur im Geringsten anzweifelt.

"Das Verschwinden des Josef Mengele" war sogleich nach dem Erscheinen des französischen Originals im vergangenen Jahr in aller Munde. Guez heimste dafür mit dem Prix Renaudot einen der renommiertesten Literaturpreise Frankreichs ein. Das Erscheinen einer deutschen Übersetzung überrascht angesichts dieses Erfolgs und der Brisanz des Themas hierzulande nicht. Der Erfolg war gleichsam vorprogrammiert. Neben der im Aufbau Verlag erschienenen Buchausgabe hat Der Audio Verlag parallel dazu eine ungekürzte Lesung herausgebracht. Die 224 Seiten werden von Burghart Klaußner in knapp sechseinhalb Stunden vorgetragen. Fünf CDs umfasst die gelungene Hörfassung dieses Bestsellers, der in den kommenden Wochen und Monaten garantiert noch von sich reden machen wird.

Olivier Guez regt mit seiner Darstellung Mengeles an, nicht nur über die Hauptfigur seines Romans nachzudenken, sondern sich auch einen Reim über sein Umfeld zu machen. Neben den bereits erwähnten ewig Gestrigen in Mengeles südamerikanischem Freundeskreis beginnt man rasch zu hinterfragen, welch unsägliche, weil vertuschende Rolle einige Länder bei der Nicht-Suche Mengeles gespielt haben. Einzig der Mossad schien ernsthafte Anstrengungen unternommen zu haben, um den Todesengel von Auschwitz aufzuspüren und seiner gerechten Strafe zuzuführen. Ein Fritz Bauer erfuhr hierzulande in den Sechzigern Anfeindungen sondergleichen, als er die Frankfurter Auschwitzprozesse in die Wege leitete und dabei auch Mengele im Visier hatte. Somit ist "Das Verschwinden des Josef Mengele" ein präzises Zeitporträt, das den gesellschaftlichen und politischen Geist der Nachkriegszeit auf mehreren Kontinenten widerspiegelt. Olivier Guez ist mit seiner Geschichte von Josef Mengele ein richtig großer Wurf gelungen.

Christoph Mahnel
24.09.2018

 
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Das Buch:

Olivier Guez: Das Verschwinden des Josef Mengele. Aus dem Franzsischen von Nicola Denis

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Sprecher: Burghart Klauner
Berlin: Der Audio Verlag 2018
Spielzeit: 389 Min., 20,00
ISBN: 978-3-7424-0756-6

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