Hrbcher

Im Herbst einer Freundschaft

Zum vierten und letzten Mal lässt die italienische Schriftstellerin Elena Ferrante in "Die Geschichte des verlorenen Kindes" ihre treue Leserschaft am Leben der beiden ungleichen und doch scheinbar unzertrennlichen Freundinnen Lila und Lenù, die zusammen in einem Armenviertel Neapels aufgewachsen sind, teilhaben. Während Lila Neapel nie verlassen hat, ist Lenù, die Ich-Erzählerin dieser "Neapolitanischen Saga" - wie der Untertitel der vierteiligen Romanserie lautet -, zum Studium nach Pisa gegangen und wohnt danach mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern in Florenz.

Die Familienidylle des Akademikerpaares beginnt am Ende des dritten Bandes zu bröckeln und liegt am Anfang von "Die Geschichte des verlorenen Kindes" endgültig in Scherben. Lenù beschließt, ihren Mann für ihre Jugendliebe Nino, der mittlerweile Professor und ebenfalls verheiratet ist, zu verlassen. Seinetwillen zieht sie wieder nach Neapel, obwohl sie an den Ort ihrer Kindheit nur ungern zurückkehrt. Der Umzug bringt sie auch räumlich wieder näher zu Lila. Als die beiden Freundinnen Anfang der achtziger Jahre im Alter von 36 Jahren beide nochmals schwanger werden, scheint von außen betrachtet, die Welt wieder in Ordnung zu sein.

Doch der Schein trügt. Lenùs Mutter erkrankt an Krebs, und die Belastungen, die die Beziehung zu dem Lebemann und Frauenschwarm Nino, der seine Frau nie wirklich verlassen hat, zehren an Lenù. Als sie ihn eines Tages in flagranti mit dem Kindermädchen erwischt, trennt sie sich endgültig von ihm. Als alleinerziehende Mutter von drei Kindern fällt ihr der Balanceakt zwischen Geldverdienen und Muttersein schwer. Sie lässt  ihre Kinder immer wieder in der Obhut anderer, um als gefragte Autorin auf Lesereise zu gehen. Auch Lila ist inzwischen eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Zusammen mit ihrem Mann Enzo leitet sie ein IT-Unternehmen. Doch als eines Tages Lilas vierjährige Tochter spurlos verschwindet, ändert sich ihr Leben für immer.

Mit dem vierten Band der Neapel-Tetralogie von Elena Ferrante geht die Geschichte über das Freundinnengespann Lila und Lenù in die letzte Runde. Auch Einteilung des Romans in die übergeordneten Kapitel "Reife" und "Alter" verrät, dass man sich mit den beiden Frauen in den Herbst ihrer Freundschaft begibt. Wer Ferrante und den beiden Hauptfiguren seit 2016, als der erste Band, "Mein geniale Freundin", in Deutschland erschienen ist, die Treue gehalten hat, wartet nun seit zwei Jahren auf die Beantwortung einer einzigen Fragen, nämlich wohin die Mittsechzigerin Lila verschwunden ist. Mit dieser Nachricht beginnt nämlich "Meine geniale Freundin", bevor die Erzählung zurück in die 1950er Jahre und die Kindheit der beiden Protagonistinnen schwenkt. Ohne zu viel vorwegzunehmen, darf man verraten, dass Ferrante ein Ende gewählt hat, das sicherlich nicht jeden zufriedenstellen wird, das aber ganz zum Stil des Widersprüchlichen und zu den vielen unausgesprochenen Gefühlen in Lilas und Lenùs Leben passt.

Auch der vierte Band wurde - zum Glück - als ungekürzte Lesung mit Eva Mattes als Sprecherin herausgegeben. Schon im Laufe der ersten drei Lesungen ist sie dem Hörer quasi als Stimme von Lenù ans Herz gewachsen, und kaum hört man die ersten Sätze der vierten Lesung, fühlt man sich trotz einiger Monate Pause sofort hineinversetzt in die Welt der beiden ungleichen Freundinnen. So wie Eva Mattes für einige Hörbuchfans vielleicht bereits mit der Welt von Jane Austen verknüpft ist, wird sie ab sofort auch mit dem literarischen Neapel der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verbunden sein.

Elena Ferrante, das Pseudonym einer aus Neapel stammenden Schriftstellerin, hat mit ihrer Romanserie nicht nur die Geschichte von zwei Frauen erzählt, die aus ärmlichen Verhältnissen stammen und sich auf unterschiedliche Weise ihre Unabhängigkeit erarbeiten haben, sondern auch ein Bild gezeichnet von der italienischen Gesellschaft der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Sabine Mahnel
30.04.2018

 
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Das Buch:

Elena Ferrante: Die Geschichte des verlorenen Kindes. Aus dem Italienischen von Karin Krieger

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Sprecherin: Eva Mattes
Mnchen: Der Hrverlag 2018
Spielzeit: 1025 Min., 24,99
ISBN: 978-3-8445-2584-7

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