Hrbcher

Abgetaucht

Julia Abbott kehrt zurück in ihre alte, ungeliebte Heimat Beckford im Norden Englands, und der Anlass ist alles andere als erfreulich. Ihre Schwester Nel ist tot, ertrunken im Fluss, obwohl sie doch eine so gute Schwimmerin war. Der Unglücksort, bekannt als der sogenannte "Drowning Pool", besitzt eine lange und traurige Historie, da schon einige Frauen dort ihrem Leben ein Ende bereitet haben. Angeblich habe Nel in den Wochen und Monaten vor ihrem Tod mehrmals versucht, ihre jüngere Schwester telefonisch zu erreichen. Doch Julia wollte nach den Demütigungen in ihrer Kindheit und Jugend keinen Kontakt mehr zu ihrem früheren Leben, zu Beckford und auch zu ihrer Schwester. Stets war Nel das schönere, erfolgreichere und begehrtere Abbott-Mädchen gewesen, doch am Schlimmsten war für Julia die Nacht mit Nels damaligem Freund gewesen. Nun muss Julia allerdings den Weg nach Beckford beschreiten und sich ihrer Vergangenheit stellen.

Nels Tochter Lena begegnet ihrer Tante Julia extrem misstrauisch, hat sie nach dem Tod ihrer besten Freundin Katie wenige Wochen zuvor nun auch noch ihre Mutter an derselben Stelle und scheinbar ebenfalls per Suizid verloren. Julia wird entgegen ihrer Absicht immer weiter in die Ermittlungen und die Hintergründe vor Ort hineingezogen. Peu à peu arbeitet sie ihre eigene Geschichte und die ihrer Schwester auf. Nel hatte an einem Buch über den "Drowning Pool" gearbeitet und dazu viele Ortsansässige befragt, was nicht bei allen auf Gegenliebe gestoßen war. Außerdem beginnt Julia plötzlich zu realisieren, dass sie einige der früheren Aussagen von Nel völlig falsch interpretiert hat, was das Verhältnis zu ihrer Schwester in ein ganz anderes Licht rückt. Im Strudel dieser Emotionen geraten schließlich alle Beteiligten außer Kontrolle. Lena verschwindet, und zusammen mit ihr der Lehrer, der ein Verhältnis mit seiner Schülerin und Nels Freundin Katie gehabt haben soll. Eile ist dringend geboten, um das Geflecht von wahren und falschen Einschätzungen zu entwirren.

"Into the Water" ist der treffende Titel des neuesten Bestsellers von Paula Hawkins. Nach dem großen Erfolg von "Girl on the train" war die Ankündigung für ihr zweites Buch mit großem Tamtam einhergegangen. Schließlich schreibt die gebürtige Rhodesierin, die übrigens unter einem Pseudonym bereits einige weitere Romane veröffentlicht hat, in einem Stil, der dieser Tage sehr gefragt ist. Eine scheinbar klare und durch Fakten unterlegte Gegebenheit wird nach und nach ins Gegenteil konvertiert, wobei das Ganze mit vielen psychologischen Feinheiten durchsetzt ist. Der geübte Leser solcher Romane, wie z.B. "Gone Girl" oder besagtem Erstling Paula Hawkins´, hat natürlich schon eine gewisse Routine darin zu erkennen, wohin denn der Hase laufen könnte. Doch hier ist nichts, wie es scheint!

Für die vorliegende Hörbuch-Ausgabe hat der herausgebende Random House Audio Verlag wieder mal auf das seit geraumer Zeit gerne und vermehrt angewendete Konzept mit mehreren Sprechern gesetzt. Dieses Mal sind es mit Britta Steffenhagen und Marie Bierstedt zwei weibliche Sprecher, dem gegenüber steht mit Simon Jäger ein erfahrenes männliches Pendant. Da Paula Hawkins ihren Roman in kleine Kapitel eingeteilt hat, die sie jeweils mit dem Namen der jeweils zentral handelnden Person überschrieben hat, ist diese Struktur natürlich eine schöne Vorlage für die Aufteilung der einzelnen Sprecherabschnitte. Doch darüber hinaus überzeugt dieses Konzept schlicht und einfach mit Abwechslung und Dynamik, wenn nicht ein und derselbe Leser die ganzen zehn Stunden aus seinem Mund herauslaufen lassen muss.

"Into the Water" ist ein kluges psychologisches Verwirrspiel, das mit einem überschaubaren Plot in Beckford daherkommt und sehr moderat in Schwung kommt, so dass der Hörer sich erstmal einleben kann. Leider kann die Handlung nicht durchweg überzeugen. Während es zwischendurch immer wieder einmal zu Spannungsbeschleunigungen kommt, kann man aber auch schon wieder damit rechnen, dass einen die nächste halbe Stunde gehörig langweilen wird. Auch ist das Finale keineswegs furios, zu offensichtlich sind die zuvor gestreuten Andeutungen, wo des Rätsels Lösung zu suchen ist. Womöglich hat "Into the Water" einfach das Pech, dass schon einige Werke dieser Machart in den vergangenen Monaten ihren Weg zu Lesern und Hörern gefunden haben und somit der Bedarf für psychologische Verwirrspiele gedeckt ist. Doch grundsätzlich hat sich Paula Hawkins mit ihrem zweiten Roman als talentierte Schriftstellerin etabliert. Es bleibt zu beobachten, was von ihr in den kommenden Jahren noch zu lesen und hören sein wird.

Christoph Mahnel
21.08.2017

 
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Das Buch:

Paula Hawkins: Into the Water. Aus dem Englischen von Christoph Ghler

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Sprecher: Britta Steffenhagen, Simon Jger und Marie Bierstedt
Mnchen: Random House Audio 2017
Spielzeit: 627 Min., 11,99
ISBN: 978-3-8371-3749-1

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