Bildbände

Quer durch Europa mit Joakim Eskildsen

Die Sinti und Roma sind eine über Europa verstreute Minderheit, von der viele Menschen wenig wissen und denen die meisten mit Misstrauen gegenübertreten. Ein über Jahrhunderte gewachsener, schwer zu überwindender Graben auf beiden Seiten ist die Folge. Der dänische Fotograf Joakim Eskildsen hat sich mit der Schriftstellerin Cia Rinne auf eine Reise zu den weitgehend unbekannten Menschen in Ungarn, Indien, Griechenland, Rumänien, Frankreich, Russland und Finnland gemacht. Nach sechs Jahren Arbeit hat der Verleger Gerhard Steidl ihre Bilder und Texte nun zu dem Buch «Die Romareisen» gebündelt.

Das Vorwort stammt vom deutschen Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass. Der hatte 1997 eine Stiftung zugunsten der Roma gegründet, um das Verständnis für deren Eigenarten zu fördern und über ihre kulturelle und soziale Lage in Geschichte und Gegenwart aufzuklären.«In allen Ländern der Europäischen Union sind die Angehörigen dieser Minderheit einerseits anwesend, andererseits wie nicht vorhanden», schreibt Grass und schätzt die Zahl der europäischen Roma auf 20 Millionen. «Sie sind der blinde Fleck im Bewusstsein Europas», ergänzt Grass und verlangt einen Pass, der ihnen von Rumänien bis Portugal ein Bleiberecht garantiert.

Eskildsen und Rinne wurden vom eigenen Interesse getrieben. «Je mehr wir über die Roma erfuhren und sie kennenlernten, desto größer wurden unser Interesse und die Sympathie für sie», berichten sie. Die Bilder sind ein Beleg dafür, dass es ihnen ernst war mit den Roma.Denn diese treten dem Fotografen in vielen Situationen sehr offen gegenüber - Zeichen dafür, dass Eskildsen ein Stück ihres Vertrauens gewonnen hat. In Ungarn etwa scheinen ihn sechs Frauen gar nicht zu beachten, obwohl er in ihrer Mitte steht. Eine einzige Aufnahme liefert so gleich sechs aussagekräftige Porträts. An anderer Stelle erhält er Eingang in Häuser und oft armselige Hütten - die Menschen lassen ihn an sich heran. Ganz besonders werden die Fotos, wenn er seine schwarzweißen Motive ins breite Panoramaformat fasst.

Die Roma leben in Zelten, auf der Straße, in Verschlägen, oft im engen Kontakt mit den Nachbarn, mitunter unter unsäglichen Umständen und mit vielen religiösen Symbolen. Sie richten sich in festen Siedlungen aus Beton oder fahrenden Siedlungen aus Blech und Kunststoff ein. Sie feiern und schmücken sich, arbeiten hart und werden vielfach an den Rand gedrängt. Dies alles machen Eskildsens Bilder sichtbar.

Der Däne lernte sein Handwerk beim königlichen Hoffotografen. 1994 zog er nach Finnland und studierte Fotografie an der Kunsthochschule von Helsinki. Er hat bereits mehrere Bücher veröffentlich sowie zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen erhalten. Die Schwedin Cia Rinne wuchs in Deutschland auf und studierte Philosophie in Helsinki.Derzeit arbeitet sie an einem dokumentarischen Roman über ihre Zeit bei den Roma. Ihr gemeinsamer Reisebericht hilft dabei, dem von Grass beklagten blinden Fleck im Bewusstseins Europas zumindest ein Stück mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Ein Ausweis der hohen Kunst des Fotografen und der handwerklichen Fertigkeiten von Steidl ist der Band ohnehin.

Thilo Resenhoeft, dpa
02.01.2008

 
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Das Buch:

Joakim Eskildsen:
Cia Rinne: Die Romareisen. Ungarn, Indien, Griechenland, Rumänien, Frankreich, Rußland, Finnland

Bild: Buchcover Joakim Eskildsen, Cia Rinne: Die Romareisen

Göttingen: Steidl Verlag 2007
396 S., 329 Farb- und s/w-Bilder, 1 CD mit Sprach- und Musikaufnahmen, € 60,00
ISBN: 978-3-8652-1429-4

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