Bildbände

Henri Cartier- Bresson - Der Mann mit der Tarnkappe

Der Atomphysiker Robert Oppenheimer starrt selbstvergessen in die Ferne, während er am Schreibtisch seine Pfeife hält. Die hat auch der Philosoph Jean-Paul Sartre in der Hand. Die Kritikerin Susan Sontag ist gleichfalls zu sehen, entspannt, mit sanftem Blick, fast etwas entrückt. Der US-Fotograf Alfred Stieglitz liegt hingegen entspannt auf einem Bett und putzt sich die Brille. Coco Chanel wiederum lässt die Augen mit aristokratischer Anmutung durch den Raum schweifen, ist ganz sie selbst: die Grande Dame der Haute Couture.

Schon die Zusammenstellung dieses Portfolios lässt erahnen, dass sie nicht aus dem Archiv von irgendjemandem stammt. Henri Cartier-Bresson (HCB) hat diese Porträts aufgenommen. Der französische Fotograf gilt vielen als einer der besten des 20. Jahrhunderts, wenn nicht gar als der beste. Das Porträt von Samuel Beckett, der einen wirren Blick durchs Bild wirft, gehört wie einige weitere Bilder des neuen Bandes inzwischen zu den Ikonen der Fotografie. «Man kann kein Porträt von einem hübschen Gesicht machen, das wäre nicht viel mehr als die Haut eines Kinderpopos», sagte HCB einmal. Becketts tiefe Falten hingegen lieferten ihm die gewünschte Gesichtslandschaft.

Die Porträts von HCB lassen sich keiner Schaffensperiode zuordnen, er kam immer wieder auf diese Form zurück. Die Aufnahmen des Buches stammen aus den Jahren von 1931 bis 1999. Viele Künstler und Freunde sind unter den Abgebildeten, zuweilen auch Unbekannte. Ein dicker Herr etwa träumt hinter der Scheibe eines Pariser Cafés in den Tag hinein. In Zürich steht ein unscheinbarer kleiner Mann vor einen Häuserfassade, vielleicht ein Beamter, der sich sich an seiner großen Aktentasche festzuhalten scheint. HCB gilt als «Mann mit der Tarnkappe», der sich so im Alltag so unauffällig verhielt, dass er mit seiner kleinen Kamera kaum bemerkt wurde und dem daher solche Bilder gelangen.

Nicht alle seiner Fotos sind messerscharf, mitunter liegt der Fokus des 50-mm-Objektivs, das Cartier-Bresson häufig für seiner Arbeit an der Leica nutzte, knapp vor oder hinter den Augen der Abgebildeten. Das tut den Motiven aber keinen Abbruch. Beruhigend wirkt das klassische Schwarzweiß der Aufnahmen. Vielleicht geben sich Künstler wie Arthur Miller und Igor Strawinsky auf den Aufnahmen so entspannt, weil sie wissen, dass ihnen gleichfalls ein Star und Meister seines Metiers gegenübersitzt.

Seine Arbeit mit dem Gegenüber hat HCB einmal so beschrieben: «Um zur lichtempfindlichen Platte werden zu können, darf man das eigene Ich nicht zur Geltung kommen lassen. Ein Schnitzer ist schnell passiert: Man berührt die Hörner der Schnecke, und schon verkriecht sie sich in ihr Haus.» Für den 2004 gestorbenen HCB war «ein Porträt [...] wie ein Höflichkeitsbesuch von fünfzehn, zwanzig Minuten. Länger kann man die Leute nicht belästigen, schließlich ist man die Mücke, die gleich stechen wird.»

Besonders oft hat er die Hörner der Schnecke aber wohl nicht berührt - dafür zeigt der Band einfach zu viele, zu gelungene Porträts.

Thilo Resenhoeft, dpa
03.07.2006

 
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Das Buch:

Henri Cartier-Bresson:
Der Klang der Seele. Portraits

Bild: Buchcover Henri Cartier-Bresson, Der Klang der Seele. Portraits

München: Schirmer/Mosel 2006
160 S., € 39,80
ISBN: 3-8296-0241-3

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