Bildbände

Archaische Bilder archaischer Festungen

Sein Schutzbedürfnis hat den Menschen seit Jahrhunderten Burgen und Festungen bauen lassen. Wenn sie nicht nur dem Feind, sondern auch der Zeit trotzten, wurden sie zu steinernen Zeugen: Grobe Mauern, trutzig Wehrtürme, dunkle Gewölbe. In Deutschland und Frankreich liegen die Burgen oft auf leicht zu verteidigenden Bergrücken, die Indianer im Südwesten der USA haben sie entlang riesiger Felsabhänge konstruiert. Obwohl sich die Baumeister nicht kannten, folgten sie zur Zeit des Mittelalters ähnlichen Prinzipien. Diese Parallelen greift ein gemeinsames Projekt des deutschen Fotografen Martin Blume und seines US-Kollege Douglas Busch auf. Beide fotografierten Burgen - auch auf dem Kontinent des jeweils anderen. Ihr Fotoband «Vestiges» (Spuren oder Fährten) zeigt Wehrbauten aus der Pfalz und dem Elsass einerseits und den Pueblos der Anasazi-Kultur in den USA andererseits.

Archaisch wie die steinernen Festungen mutet auf den ersten Blick auch das Fotogerät der beiden an: Blume verwendet oft Negative von der Größe eines DIN-A4-Blattes, Busch belichtet gar Filme der Größe 35 mal 45 Zentimeter in einer selbst konstruierten Kamera. Beide steuern die Belichtung und die Entwicklung von Film und Abzug in der Dunkelkammer nach eigenen Vorstellungen. Diese zielen jeweils kompromisslos auf höchste Qualität. Das feine Bild soll ein Maximum an Schärfe und Detail bieten. Zum Schleppen der Ausrüstung sind Bärenkräfte nötig.

Für die Arbeit im Labor braucht es viel Erfahrung, viel Wissen um die Fotochemie und viel Zeit. Jedes einzelne Negativ erhält die optimale Entwicklung. Die ausschließlich in schwarz und weiß gehaltenen Bilder präsentieren sich in der Folge in höchster Güte und mit riesigem Tonwertreichtum ­ selbst mit modernsten Digitalkameras lassen sich solche Bilder nicht fertigen. Speziell Douglas Busch treibt die Fotografie mit der von ihm gebauten größten mobilen Kamera auf die Spitze: 1 mal 1,50 Meter groß können die Negative in dem übermannsgroßen Apparat werden.

Aber auch ohne diese gigantische Konstruktion zeigen die Bilder in «Vestiges» jedes feine Detail. Die Kameras müssen auf schwere Stative montiert werden, vor dem Auslösen steht sorgfältige Komposition, schnelles Knipsen verbietet sich auf diese Weise. «Das Großfoto ist eine Verbannung der Zeit, es ist ein Damm gegen die Zeit, gegen die Geschwindigkeit, gegen die Beschleunigung», heißt es im Vorwort von Christoph Schaden. Diese Überlegung lässt zeitlose, ja mitunter entrückte Bilder der steinernen Burgen entstehen.

Am Fuße eines riesigen Felsüberhanges haben Indianer zum Beispiel die Festung von Mesa Verde gebaut, deren verbleibenden Stockwerke sich direkt an die steil aufragenden Steinwände zu kauern scheinen. Die Feinstruktur der Steine und des Mauerwerks ist ebenso zu erkennen wie die Adern im Fels und die einzelnen Blätter der umstehenden Bäume. Die tief stehende Sonne wirft lange Schatten und modelliert die viele Jahrhunderte alte Ruine mit ihrem Seitenlicht. Auch am Brunnen von Burg Drachenfels verliert sich das Auge in der vielfältigen Struktur des Steins. Ein weiteres Bild, wieder von der anderen Seite des Atlantik, zeigt die Ruinen von White House. Die Gebäude sind in eine kleine Grotte gedrängt. Die fast glatte Felswand steigt monumental darüber auf. Andere Bilder zeigen mit Flechten bewachsene Mauern, ein vom Restlicht sanft erhellter Gang oder die dunklen Tore im engen Hof von Burg Alt-Windstein.

Mit seinen archaischen, zuweilen morbide-zerfallenden Motiven und deren zeitloser Interpretation entwirft das über sieben Jahre hinweg entstandene transatlantische Projekt ein erstaunliches und beeindruckendes Bild dieser mittelalterlichen Burgruinen.

Thilo Resenhoeft, dpa
27.01.2006

 
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Das Buch:

Martin Blume, Douglas Busch: Vestiges

Bild: Buchcover Martin Blume, Vestiges

Stuttgart: Lindemanns Verlag 2005
144 S., € 49,80
IsBN: 3-89506-252-9

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