Bildbände

Von der Nordsee bis zu den Alpen

Ein paar winzige Gestalten verlieren sich irgendwo in der Weite des Wattenmeeres. Die Menschen bilden farbige Punkte unter weitem Himmel, der fast zwei Drittel des Bildes einnimmt. Im Bayerischen Wald verschmelzen Horizont und Hügel zu einem riesigen winterlich-weißen Raum, wiederum aufgelockert durch ein paar verstreut herumlaufende Figuren. Für diese und weitere Aufnahmen hat der Fotograf Peter Bialobrzeski zwischen Watt und Zugspitze rund 15 000 Kilometer mit dem Auto zurückgelegt, zwei Jahre war er für den Band «Heimat» unterwegs. «Projektionsflächen für Sehnsüchte» nennt er seine Aufnahmen.

Häufig stellte sich Bialobrzeski dafür vor, wie der romantische Maler Caspar David Friedrich die Landschaft wohl auf der Mattscheibe komponiert hätte. Die Aufnahmen erinnern daher oft an dessen Gemälde, Bialobrzeski versteht seinen Band ausdrücklich als Hommage an den großen Maler. Eine Hommage allerdings, die mit ihren Bildern mit Leuten in rot leuchtenden Gore-Tex-Jacken den Betrachter immer wieder schnell in die Realität zurückholt. Zwischen den nördlichen und südlichen Enden Deutschlands besuchte der Fotograf auf den Rat von Freunden zum Beispiel die Fischbeker Heide, fotografierte im Hamburger Stadtpark und war ganz überrascht von der urwüchsigen Landschaft des Donautals. Auch an der berühmten Loreley am Rhein wollte Bialobrzeski fotografieren, «aber das Bild funktionierte nicht».

Für das Deutschland-Projekt arbeitete der Fotograf mit einer großformatigen Plattenkamera. Scharf stellen musste er unter einem schwarzen Tuch und sah sich mitunter der mürrischen Frage ausgesetzt, was er da wohl tue. Transport, Aufbau und Bedienung des Gerätes sind aufwendig, das nimmt der Fotografie die Geschwindigkeit. Für viele Fotografen ist das ein Vorteil, weil es zum überlegten Blick zwingt.
Andererseits ist es eine Herausforderung: «Man muss warten, bis die Dinge vor der Kamera passieren», sagt der Künstler. Manchmal wartete er vergebens. Oftmals allerdings machte irgendwann die zufällige Verteilung der Figuren auf der Fläche «die Fotografie zum Bild», wie es Bialobrzeski selbst beschreibt.

Eine gezielte Überbelichtung lässt seine Aufnahmen nur in sphärischen Pastelltönen aus dem Negativ heraustreten. Bialobrzeski mindert auf diese Weise hohe Kontraste, die er als «aggressiv» und «dramatisch» ablehnt - ein Stilmittel, das auch sein Buch «Neon Tigers» kennzeichnet. «Es geht mir nicht darum, die Realität wiederzugeben, dies ist das größte Missverständnis der Fotografie», sagt der Professor vom Fachbereich für Kunst und Design an der Hochschule für Künste in Bremen. «Jedes Bild ist eine Abstraktion von der Wirklichkeit.» Bialobrzeski verweist dazu auf ein Zitat des US- Fotografen Gary Winogrand: «Ich fotografiere, um zu sehen, wie die Welt fotografiert aussieht.» Und er ergänzt dazu: «Diese Aussage zeigt am besten, dass es in meiner Arbeit nicht um die pure Wiedergabe der Realität geht.»

Seine Bilder sind folglich keine gefühlsduseligen, romantisch- verklärten Hochglanz-Liebeserklärungen an die Bundesrepublik. «Ich wollte mein Verhältnis zu meinem Deutschlandbild klären, zu einem Land, das für mich emotional und kulturell prägend ist, also Heimat», erklärt Bialobrzeski. Ausdrücklich wollte er dafür «schöne» Bilder schaffen, anders als viele Dokumentarfotografen. «Heimat» ist denn auch ein Gegenentwurf zu einer «deutschen Fotografie, die Garagentore, Pappkartons und bleiche, picklige Jungmanager in scheinbar kritischer Distanz» aufzeichnet, heißt es bei dem Fotografen.

Bialobrzeskis neuer Band ist eine frische, neue Auseinandersetzung mit Deutschland einerseits und der Bedeutung von Heimat andererseits
- ein visuell und intellektuell gleichermaßen anregendes Buch.

Thilo Resenhoeft (dpa)
08.12.2005

 
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Das Buch:

Peter Bialobrzeski: Heimat

Ostfildern-Ruit: Verlag Hantje Cantz 2005
88 S., € 45,00
ISBN: 3-7757-1673-4

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