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Rilke und das Schloss am Meer

Die Aura des Ursprünglichen, die dem Original – selbst dem Ort – anhaftet, ist für manche bloß ein idealistisches Konstrukt, für andere eine Frage individueller Sensibilität. Tatsächlich geht es dem, der ein Kunstwerk betrachtet, wie einem Ausgräber und Archäologen: Was man nicht kennt, kann man nicht entdecken, was man nicht weiß, kann man nicht erkennen. Auch Duino, das herrlich über dem Golf von Triest gelegene Schloss, ist ein Ort, an dem sich viele verwehte Spuren finden lassen. Von römischen Fundamenten und einem Relief aus dem 4. vorchristlichen Jahrhundert über das karolingische Geschlecht der Herren von Tybein bis zu den verzweigten Linien des europäischen Hochadels in neuerer Zeit – mit sympathischer Beiläufigkeit beschreibt die Autorin das Auf und Ab des in seiner heutigen Gestalt bis auf das 15. und 16. Jahrhundert zurückgehende Kastells und seiner wechselnden Besitzer.

Über das alte romantisch abgeschieden gelegene Gemäuer unternimmt Monika Czernin eine einfühlsame Annäherung an Rainer Maria Rilkes berühmte "Duineser Elegien", einem der bedeutendsten Gedichtzyklen deutschsprachiger Lyrik, deren erster Teil zwischen 1910 und 1921 hier bei mehreren Aufenthalten entstanden ist. Diese Gedichte erscheinen als Ausdruck eines glücklichen Zusammentreffens von menschlicher Zuwendung, entschlossener Förderung, gegenseitiger Sympathie und – einer großen Empfänglichkeit und Sensibilität.

Rilke begegnet der Schlossherrin Marie von Thurn und Taxis, einer Aristokratin aus einem der ältesten europäischen Adelshäuser, zum ersten Mal im Dezember 1909 in Paris. Während dieser "beneidenswerten Freundschaft", die hieraus erwächst, genießt Rilke das Wirken der Fürstin, ihre liebevolle Unterstützung, ihre Gastfreundschaft und tiefe Seelenverbundenheit. Dass der lebensuntüchtige Rilke nach einer Schaffenskrise in Castel Duino zur Poesie seiner Elegien fand, hat auch ganz wesentlich mit der Magie des Ortes zu tun. Der Zufall wollte es, dass die Gastgeberin abwesend war, als Rilke jenes "immens an Meer hingetürmte Schloß" zum ersten Mal im April 1910 besuchte, und der Dichter, allein mit sich selbst, die herrliche Lage, die wunderbare Atmosphäre und die Stimmung des Ortes ganz auf sich wirken lassen konnte. Den Winter 1911/12 verbringt Rilke wieder allein in Duino, einzig in der Obhut treuer Hausangestellter, und begibt sich wie ein Archäologe auf die Suche nach "Kulturspuren", die der Dichter in Form zahlloser Hinterlassenschaften und Relikte früherer Generationen, Archivalien, Briefe, Aufzeichnungen, alten Tagebüchern und dergleichen findet. Plötzlich, auf einem Spaziergang um das Schloß herum, entstehen die ersten Verse der ersten Elegie "Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen" – Worte, die Rilke übers Meer geradezu anwehen, "so, als ob im Brausen des Sturmes eine Stimme ihm zugerufen hätte", wie die Fürstin Rilkes Bericht hierüber später notiert. Gleichsam vice versa wagte die Verfasserin ein Experiment, das sie als "Schlüsselerlebnis" schildert. Mit einem Schauspieler wird eine Lesung der Elegien für eine Rundfunkaufnahme "sur place" unternommen, sie versucht "die Verse am Ort ihres Ursprungs zum Klingen zu bringen" – und die Wirkung muss verblüffend gewesen sein. Im Rezitat der Gedichte an ihrem Entstehungsort erschließt sich die schwierige Sprache der Elegien besser als in jedem literaturwissenschaftlichen Seminar.

Es sind nicht nur die liebevollen Details, die diese Publikation adeln: die familiäre Vertrautheit der gräflichen Verfasserin mit ihrem Sujet, der vollständige Abdruck aller Elegien mit den Autographen einer der Fürstin seinerzeit eigens gewidmeten Abschrift, die verträumt-pudrigen Schwarz-Weiß-Fotografien des 19. Jahrhunderts, die eigenhändigen Farbfotos des Verlegers Wolfgang Balk oder das charmante Vorwort des heutigen Besitzers und direktem Nachkommen der Fürstin, Principe Charles della Torre e Tasso, Duca di Castel Duino. Was den Leser für dieses Buch einnimmt, ist der Glaube der Verfasserin an den Zauber des Ortes, den sie in vielfachem Sinn erfahren hat.

-cth
03.08.2004

 
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Das Buch:

Monika Czernin: Duino, Rilke und die Duineser Elegien

Bild: Buchcover Monika Czernin, Duino, Rilke und die Duineser Elegien

München: Deutscher Taschenbuchverlag 2004
151 S., € 18,50
ISBN: 3-423-34108-4

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