Romane

Evison schreibt über Emotionen wie kein Zweiter

Nach dem Tod ihres Mannes Bernhard, mit dem sie 55 Jahre lang verheiratet war, wagt Harriet (78) sich auf eine Seereise. Offenbar hatte der Verstorbene die Kreuzfahrt nach Alaska heimlich geplant. Gemeinsam mit ihrer Tochter geht Harriet an Bord. Auf dem Schiff, dessen Buffets und Riten sie überfordern, überdenkt sie ihr Leben und stellt fest, dass vieles anders war, als sie sich eingeredet hat. Ein Brief von ihrer Freundin Mildred öffnet ihr schließlich die Augen: Harriets Ehe ist aufgebaut auf Lügen. Bernhard hat sie betrogen. Er und Mildred hatten eine Affäre. Dieses Geheimnis verändert mit einem Mal einfach alles. Und Harriet beginnt zu zweifeln. Die Frage quält sie, wo sie wohl wäre, wenn sie Bernhard nie kennengelernt, ihm niemals das Ja-Wort gegeben hätte.

Harriet weiß nicht mehr, woran sie noch glauben soll. Bis vor kurzem dachte sie, das Leben meine es gut mit ihr: ein Beruf, ein liebevoller Ehemann, ein Haus, zwei Kinder - Harriet hatte alles, was man sich wünschen konnte: So scheint es jedenfalls auf dem ersten Blick, wenn man nicht so genau hinsieht. Aber nichts ist perfekt. Auf dem Schiff und an der Seite ihrer Tochter muss sie sich bitteren Wahrheiten stellen. Schon bald bröckelt die unantastbare bürgerliche Fassade. In dieser schweren Zeit steht Harriet alleine da. Ihre Kinder kümmern sich nur um sich selbst. Die Sorgen und Nöte ihrer Mutter interessieren sie nicht. Doch auch wenn sie es sollten - Harriet muss diesen Kampf ohne die Hilfe anderer ausfechten, ungeachtet der Konsequenzen für ihre Zukunft ...

Literatur von der ganz besonderen, nämlich von der besonders schönen wie schrägen Sorte - genau die kriegt mit man den Romanen von Jonathan Evison in die Hände. Diese stecken voller Unterhaltung, die amüsanter definitiv nicht sein könnte. Besser als mit "Eine fast perfekte Ehefrau" kann man seine Zeit kaum verbringen. Ab dem ersten Satz kriegt man sich partout nicht mehr ein vor lauter Lesebegeisterung. Der US-amerikanische Autor schreibt uns ganz schwindelig. Er erzählt seine Geschichten mit jeder Menge Charme und Humor und außerdem mit einer Extraportion Herz. Während der Lektüre strahlt man mit der Sonne um die Wette. Solch ein Lesespaß ist von großer Seltenheit. Und darf nicht nur deshalb in keinem Bücherregal fehlen. Hier erfährt man Lesekino auf höchstem Niveau.

Langeweile? Garantiert nicht mit einem Buch von Jonathan Evison. Dank diesen kommt jede Menge Schwung in das Leben des Lesers. "Eine fast perfekte Ehefrau" rührt einen nicht nur zu Tränen, sondern zaubert einem zugleich ein Lächeln auf die Lippen. Man fühlt sich ganz glücklich nach der letzten Seite, und regelrecht berauscht - als hätte man mehrere Gläser Champagner auf ex getrunken.

Kompliment auch an Übersetzerin Andrea O´Brien. Sie hat "This is your Life, Harriet Chance!" mit viel Liebe und einem Augenzwinkern übersetzt. Herzlichen Dank dafür. Und übrigens auch Gratulation für das Bayerischen Übersetzerstipendium!

Susann Fleischer
10.04.2017

 
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Das Buch:

Jonathan Evison:
Eine fast perfekte Ehefrau. Aus dem Amerikanischen von Andrea O'Brien

Bild: Buchcover Jonathan Evison, Eine fast perfekte Ehefrau

Köln: Kiepenheuer & Witsch 2017
288 S., € 19,99
ISBN: 978-3-462-04825-4

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