Romane

Über Freundschaft und Identitätssuche

Amerika in den 1950er Jahren: James Dean lässt die Frauen dahinschmelzen, Elvis Presley singt sich hoch zum King of Rock 'n' Roll. Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Denkt man, doch die Realität sieht anders aus, wie der Harvard-Student Henry in Louis Begleys neuem Roman «Ehrensachen» erfahren muss. Er hat als in Polen aufgewachsener Jude mit der Doppelmoral der US- amerikanischen Oberklasse zu kämpfen.

Der achte Begley-Roman dreht sich um Henrys Identitätskonflikt und um seine Freundschaft mit den Harvard-Kommilitonen Sam und Archie ­ daraus entwickeln sich lebenslange Beziehungen, die durch Todesfälle und Sinnkrisen schwer auf die Probe gestellt werden. Die Charaktere von Sam und Archie bleiben dabei aber oft an der Oberfläche. Henrys Versuche, seine jüdische Herkunft hinter sich zu lassen und die Einblicke in die amerikanische Gesellschaft der «Golden Fifties» sind zu Beginn die interessantesten Passagen.

Schon nach kurzem Lesen wird klar: «Ehrensachen» ist ein sehr persönlicher Roman. Ist Begley doch selbst als polnischer Jude nur knapp dem nationalsozialistischen Terror entkommen und hat in den 50er Jahren in Harvard studiert. International bekannt wurde der zunächst als Anwalt tätige Begley 1991 mit seinem Erstling «Lügen in Zeiten des Krieges», der ebenfalls autobiografische Züge aufweist.

Darin schildert der heute 73 Jahre alte Schriftsteller den Holocaust in Polen, insbesondere die zum Überleben notwendigen Lügen des jüdischen Jungen Maciek. «Ehrensachen» schlägt nun die Brücke in die Nachkriegszeit: In ein Amerika, dessen Mythos vom Schmelztiegel und von der einen großen Nation, wo die Herkunft keine Rolle spielt, sich vielfach als Illusion erweist.

Während Sam und Archie der selbstbewussten Oberschicht entstammen, ist Henry in der Bevormundung durch seine Familie und in seiner Schüchternheit gefangen. Nach der an einigen Stellen langatmigen Schilderung der Harvard-Jahre gewinnt der Roman in der zweiten Hälfte deutlich an Tempo. Nach Archies plötzlichem Tod ­ er bekommt von seiner Mutter zur Hochzeit ein Auto geschenkt und verunglückt damit - konzentriert sich die Handlung auf das Verhältnis Henry und Sam.

Während Henry ein international erfolgreicher Anwalt wird, erlangt Sam als Romanautor großen Erfolg.

Bei einem Treffen in den 70er Jahren eröffnet Henry Sam plötzlich, wie unglücklich er mit seinem neuen, nur scheinbar freien und erfolgreichen Leben ist. Er fordert Sam auf, niemals nach ihm zu suchen und eröffnet seinem besten Freund: «Ich lasse dieses verhasste Leben hinter mir. Ich verabschiede mich.» Dann beginnt Henry sich eine neue Identität aufzubauen ­ dort, wo ihn keiner vermutet. Ihren überraschenden Abschluss findet die Geschichte erst in der Gegenwart.

«Ehrensachen» ist ein schwer zu greifender Roman. Im Gegensatz zu früheren Werken Begleys bleiben die Charaktere seltsam oberflächlich und ihre persönliche Entwicklung wirkt an manchen Stellen wenig stimmig. Henry, Sam und Archie bleiben als Personen oft rätselhaft und schaffen es nur selten, die Sympathien und die Anteilnahme des Lesers zu wecken.

Georg Ismar, dpa
08.03.2007

 
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Das Buch:

Louis Begley:
Ehrensachen

Bild: Buchcover Louis Begley, Ehrensachen

Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag 2007
444 S., € 19,80
ISBN: 978-3-5184-1870-3

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