Romane

Fallstricke und doppelte Böden

Friedlich plätschert das Leben der Ruth Gilmartin vor sich hin: Ihren Unterhalt sichert sich die junge Frau mit Sprachunterricht, der kleine Sohn entwickelt sich prächtig, und die Besuche bei ihrer Mutter Sally, die sich in ein kleines Dorf am Rande von Oxford zurück gezogen hat, füllen ihre Wochenenden aus. Doch dann enthüllt die alte Dame der Tochter ihre wahre Identität. Ruth sieht sich mit der Tatsache konfrontiert, dass sie nicht von einer treusorgenden, braven, britischen Hausfrau großgezogen wurde, sondern von einer Abenteuerin und Spionin, die in Todesgefahr schwebt.

William Boyd erzählt in seinem großartigen Roman «Ruhelos» eine sich immer rasanter entwickelnde Geschichte mit bewundernswert ruhigem Duktus. Während seine Protagonistinnen Ruth und ihre Mutter Sally immer tiefer in den Sog der Ereignisse gezogen werden, gerät ihr Schöpfer keine Sekunde in Gefahr, den Überblick zu verlieren.

Souverän führt er seine bis aufs Äußerste gespannten Leser über doppelte Böden an versteckten Fallen vorbei, bis er das Verwirrspiel am Ende konsequent auflöst.

In einer Parallelhandlung öffnet er peu à peu das Tor zu Sallys Vergangenheit, die einst als Eva Delektorskaja, Tochter eines Russen und einer Engländerin, in Moskau zur Welt gekommen und mit der Familie nach Paris emigriert war. Als Bruder Kolja 1939 ermordet wird, erklärt ihr ein geheimnisvoller Fremder, dass der Getötete für den britischen Geheimdienst bei den Deutschen spioniert hat und aufgeflogen ist. Diesem Mann namens Romer gelingt es, Eva davon zu überzeugen, in die Fussstapfen des Bruders zu treten. Er schickt sie nach England, lässt sie zur Spionin ausbilden und nimmt sie in seine kleine Agententruppe auf. Ruth erfährt von der Mutter, wie sie nach New York entsandt wurde, um mit fingierten Pressemeldungen Stimmung für den Kriegseintritt der USA zu machen, wie sie sich in Romer verliebt und von ihm auf eine Kurierreise nach Neu-Mexiko geschickt wird, die sie um ein Haar das Leben kostet.

Seither, auch das erkennt Ruth nun, hat die Mutter mit Intelligenz und dem Mut der Verzweiflung alle Spuren verwischt und sich unter falschem Namen eine neue Existenz aufgebaut - wohl wissend, dass sie damals verraten worden ist. Eines Tages beobachtet Ruth, wie Sally «halb versteckt vom Goldregen» an der Hecke ihres Grundstücks steht und durchs Fernglas zum Wald hinüber starrt. «Da begriff ich, dass es ihr nie mehr vergönnt sein würde, sorglos und entspannt in den Tag hinein zu leben.» Und noch etwas wird der jungen Frau klar: «(...), dass es das ist, was uns ausmacht, unsere Sterblichkeit, unsere Menschlichkeit. Ein Tages kommt jemand und holt uns weg.»

Susanna Gilbert-Sättele, dpa
27.02.2007

 
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Das Buch:

William Boyd:
Ruhelos

Bild: Buchcover William Boyd, Ruhelos

Berlin: Berlin Verlag 2007
368 S., € 22,00
ISBN: 978-3-8270-0692-9

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