Romane

Beklemmender Roman über ein Genie

Von Ungeheuerlichkeiten berichtet Stefan Brijs in seinem Roman «Der Engelmacher» - von verschwimmenden Grenzen zwischen Gut und Böse, von der Gratwanderung zwischen Genie und Wahnsinn, und nicht zuletzt von den fatalen Möglichkeiten, die die moderne Gentechnik ungeachtet ethischer Einwände zu bieten hat. Sein Held, der hoch intelligente, aber emotional verkümmerte Arzt Victor Hoppe, ist eine moderne Variante des Mephisto, der aber im Gegensatz zu diesem stets das Gute will und stets das Böse schafft. Brijs hat seinen Protagonisten als tragische Figur angelegt, als Täter und Opfer zugleich, als einen Mann, der zu bemitleiden ist, obwohl man ihn eigentlich verurteilen müsste. Zugleich setzt er seine grauenvolle, überaus vielschichtige Geschichte mit schnörkelloser und gradliniger Sprache in Szene, auf dass der Leser am Ende tief beeindruckt und verstört das Buch zur Seite legt.

In einem kleinen Fleck im Grenzland zwischen Belgien, Holland und Deutschland steigt eines Tages ein verlorener Sohn aus dem Taxi und verschwindet mit einer großen Baby-Tragetasche im elterlichen Haus: Nur mühsam bringen die vor Neugier platzenden Dorfbewohner in Erfahrung, was der wortkarge Arzt ihnen am liebsten verschweigen will: Er hat Drillinge im Gepäck, seine eigenen, und die Nachbarn vermuten ein trauriges Schicksal der Kleinen, scheint doch die Mutter gestorben zu sein. Auch wenn die Kinder ihr Leben nur im Haus verbringen, dringt doch die eine oder andere Information in die Dorfkneipe: Hässlich und kränklich sollen sie sein, mager, dünnhäutig, verunziert von einer Hasenscharte und mit dem gleichen roten Haarbusch auf dem Kopf wie ihr Vater.

Doch allmählich gewöhnen sich die Leute an das merkwürdige Quartett in ihrer Mitte. Niemand ahnt die wirkliche Herkunft dieser Kinder, deren Erzeuger von dem Wunsch beherrscht wird, die Fehler in Gottes Schöpfung zu korrigieren. Dabei ist ihm stets ein Satz seines Vaters in Erinnerung: «Gott gibt und Gott nimmt, Victor», hatte er einst gesagt. «Aber nicht immer. Manchmal müssen wir es selbst tun.»

«Der Engelmacher» ist ein Buch, das beim ersten Lesen noch längst nicht all seine Geheimnisse preisgigt - dafür ist es zu komplex. Der 37jährige Flame lehnt sich ebenso an die Regeln der realistischen Dorfnovelle an wie er sich der Versatzstücke des Science-Fiction- Romans bedient oder den Prämissen eines Wissenschaftsthrillers über das Klonen folgt. Er behandelt den Konflikt zwischen Religion und Ratio, geht bei der Darstellung von Hoppes liebloser Kindheit psychologisch in die Tiefe und hebt den Kontrast zwischen Tradition und Moderne aufs Schärfste hervor.

Ebenso faszinierend wie furchterregend aber ist die Tatsache, dass der Autor sein Szenario nicht in der fernen Zukunft, sondern hier und jetzt ablaufen lässt. Damit nimmt er seinen Lesern die Möglichkeit, sich von dem Geschehen zu distanzieren. Die belgische Kritik kürte den Roman, der nun auch verfilmt werden soll, zum besten des vergangenen Jahres, als ein «gewaltiges» und «virtuoses» Werk.

Susanna Gilbert-Sättrle, dpa
08.02.2007

 
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Das Buch:

Stefan Brijs:
Der Engelmacher

Bild: Buchcover Stefan Brijs, Der Engelmacher

München: Verlag btb 2007
447 S., € 19,95
ISBN: 978-3-4427-5176-1

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