Romane

Eine Originalpremiere mit 84 Jahren Verspätung

In Ducherow am Rande der Ueckermünder Heide zieht Anfang 1930 der Angestellte Johannes Pinneberg mit seiner Frau Lämmchen zusammen. Die beiden haben vor kurzem eine stürmische und leidenschaftliche Liebelei begonnen, in Folge derer Lämmchen schwanger wurde. Zeitgemäß heirateten Pinneberg und Lämmchen zeitnah und versuchen nun, das Leben in den schwierigen Zeiten der Weltwirtschaftskrise zusammen zu meistern. Doch ist Pinneberg als Angestellter seinem Chef und dessen Intrigen hilflos ausgeliefert, so dass es kaum verwundert, dass er wenige Monate später entlassen wird und auf der Straße sitzt. In diesen schwierigen Zeiten initiiert Lämmchen den Umzug nach Berlin, wo Pinneberg ein Job als Verkäufer von Herrenbekleidung in Aussicht steht. So zieht der Tross der beiden und dem noch ungeborenen Murkel weiter nach Berlin.

Der beschlagene Leser merkt sogleich, dass es sich bei diesen einleitenden Worten um den großen Welterfolg Hans Falladas handelt, um seinen 1932 erschienenen Roman "Kleiner Mann - was nun?". Fallada, dem nur knapp 54 Jahre auf Erden beschieden waren, zeigte sich zur Zeit der Weimarer Republik und bemerkenswerterweise auch noch während des Dritten Reichs als äußerst produktiver Autor von zahlreichen realitätsnahen und sachlichen Romanen, die man seinerzeit unter dem Begriff "Neue Sachlichkeit" subsummierte. Fallada selbst kämpfte in seinem Leben oft gegen die herrschenden Verhältnisse an und musste als jemand, der bereits in jungen Jahren im Gefängnis einsaß, damit zurechtkommen, dass ihm der Weg nach oben sowie ein sorgenfreies und unbeschwertes Leben verwehrt bleiben sollten.

Fallada schwang sich als Schriftsteller zum Anwalt des kleinen und meist ohnmächtigen Mannes auf. War es in "Ein Mann will nach oben" der Träumer Karl Siebrecht oder in "Wer einmal aus dem Blechnapf frißt" der ehemalige Sträfling Willi Kufalt, so leidet der Leser in "Jeder stirbt für sich alleine" mit dem hilflosen Ehepaar Otto und Anna Quangel. Auch im vorliegenden Roman hat der Leser bereits frühzeitig kein gutes Gefühl ob der sich andeutenden Entwicklungen zu Beginn der dreißiger Jahre, als die Arbeitslosigkeit überhandnahm und die Furcht vor der Entlassung und dem daraus resultierenden Nichts das gesamte Denken und Handeln vieler Menschen in Beschlag nahm. Die bevorstehende Niederkunft des kleinen Murkels macht die Lage im Hause Pinneberg noch brisanter, wäre da nicht Lämmchen, die ewig optimistische und aufmunternde Frau an der Seite des zögerlichen und schwachen Pinneberg.

Die vorliegende Buchausgabe des Werks, das vor 84 Jahren das Licht der Welt erblickte, kommt einer kleinen literarischen Sensation gleich. Mit dieser Ausgabe des Aufbau Verlags ist zum allerersten Mal die von Fallada geschriebene Urfassung abgedruckt worden. Von Anbeginn an war die veröffentlichte Fassung um gut 100 Seiten und damit um etwa ein Viertel gekürzt erschienen. Dass darüber hinaus ab 1933 einige allzu NS-kritische Passagen umgeschrieben werden mussten, sei hierbei nur ein Randaspekt. Zuvorderst waren Verleger beispielsweise für einen Großteil der Handlungen im pulsierenden Nachtleben Berlins zu dem Urteil gelangt, dass diese Abschnitte für den Verlauf der Geschichte nicht von Belang wären. In Konsequenz wurden mit diesen Kürzungen auch nicht unerhebliche Modifikationen an den Charakterzügen der Protagonisten vorgenommen. So dauerte es schließlich bis zum Jahr 2016, dass die Urfassung von Falladas "Kleinem Mann" erstmals in voller Länge publiziert wurde.

Das vorliegende Buch des Aufbau Verlags hat natürlich zunächst einmal die knapp 500 Seiten lange und ganze Handlung von "Kleiner Mann - was nun?" zum Inhalt. Für den literaturhistorisch interessierten Leser hält schließlich das Nachwort mit dem ausführlichen Aufsatz Carsten Gansels noch ein höchst interessantes Nachspiel bereit. Darin beschreibt der Literaturwissenschaftler der Uni Gießen, wie es zu dieser bemerkenswerten Konstellation kommen konnte und welche Kapitel in welchem Umfang von den Kürzungen betroffen waren. Darüber hinaus bettet er diese Entwicklungen in die Vita Falladas ein und skizziert sehr präzise die Umstände des Erschaffens von "Kleiner Mann - was nun?". Was will man mehr, als einen Klassiker der deutschen Literatur erstmalig in seiner ursprünglichen Fassung in Händen zu halten? Mehr geht nicht, wird der begeisterte Leser bestätigen und das Buch mit Pinneberg, Lämmchen und Murkel stolz in Händen halten und jeden Satz dieses zeitlos genialen Autors genießen.

Christoph Mahnel
29.09.2016

 
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Das Buch:

Hans Fallada:
Kleiner Mann – was nun?

Bild: Buchcover Hans Fallada, Kleiner Mann – was nun?

Berlin: Aufbau Verlag 2016
557 S., € 22,95o
ISBN: 978-3-351-03641-6

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