Romane

Perfider Identitätsdiebstahl

T.C. Boyles Prosa ist brillant, böse und witzig, absurde Situationen und schwarzer Humor sind seine Spezialitäten. Schon in seinem letzten Roman «Dr. Sex» über den manischen Sexualforscher-Forscher Dr. Alfred Kinsey hat er das wieder gekonnt bewiesen. Sein neuer, elfter Roman «Talk Talk» spielt dagegen mit ganz konkreten Ängsten im modernen Amerika: Es geht um perfiden Identitätsdiebstahl. Davor wird täglich in TV-Spots gewarnt, reale Horror-Geschichten gibt es dazu immer wieder in der Presse. Als Thriller, Road-Movie und Gesellschaftskritik in einem ist «Talk Talk» weniger absurd als unterhaltsam. Die Filmrechte sind bereits verkauft.

Im Mittelpunkt steht Dana Halter, eine gehörlose Lehrerin in Kalifornien, die auf dem Weg zum Zahnarzt ein Stoppschild überfährt. Der Polizist, der sie anhält, wird nach der Überprüfung ihrer Personalien schnell rüde und verpasst ihr Handschellen. Nach einem erniedrigenden Wochenende im Gefängnis, gegen das auch ihr Freund Bridger - ein Spezialist für digitale Spezialeffekte in Filmen - nichts unternehmen kann, steht die Anklage fest: Jemand hat Dana Halters Namen und Kreditwürdigkeit missbraucht um in mehreren US- Staaten falsche Schecks auszustellen. Auch Autodiebstahl und Raubüberfälle werden ihr vorgeworfen.

Das Missverständnis lässt sich per Anwalt schnell klären, für die gehörlose junge Frau ist jedoch ihre mühsam erarbeitete Rolle in der Welt der Hörenden zerbrochen. Sie hat ihre Würde und Identität an einen unsichtbaren Feind verloren. Um wieder ins Gleichgewicht zu kommen, gibt es für sie nur eine Lösung: den Typen zu jagen, der ihr das angetan hat. Der Mann lebt währenddessen in Saus und Braus.

Seinen teuren Lebensstil finanziert er für sich und seine russische Freundin auf Kosten der eigenen Identität. Denn er hat sich selbst in den vielen Namen verloren, die er gestohlen hat. «Manchmal, wenn er in den Spiegel schaute oder eine Kreditkarte auf das Tablett einer Bedienung legte, wusste er nicht wer er war. William, Will, Billy, Peck, Frank, Dana, Bridger.»

«Schriftsteller sind die ursprünglichen Identitätsdiebe», hat der 57-jährige T. Coraghessan Boyle vor kurzem in einem Interview mit der «Welt» gesagt. Und so gelingt es ihm auch dieses Mal wieder, die Kontrahenten und Beziehungsgeflechte, die Eitelkeiten und Ängste wunderbar darzustellen. Die Perspektiven springen zwischen beiden hin und her. Sympathien für Opfer und Täter, Jäger und Gejagten verteilt Boyle dabei nicht. Gut und böse sind so relativ wie die Namen auf einer Kreditkarte. Am Ende gibt es wie bei jedem potenziellen Hollywood-Film einen Showdown, in dem sich die Rollen wiederum umkehren. Auch wenn seine Figuren selbst nicht sehen, wo der Ausgang ist, dem Leser lässt Boyle immer den Überblick. Das macht das Lesen sehr vergnüglich.

Carla S. Reismann, dpa
17.09.2006

 
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Das Buch:

T. C. Boyle:
Talk Talk

Bild: Buchcover T. C. Boyle, Talk Talk

München/Wien: Carl Hanser Verlag 2006
395 S., € 21,50
ISBN: 3-446-20758-9

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