Romane

Frau zwischen Schuld und Sühne

Um es gleich vorweg zu nehmen: Der große Wurf ist der schwedischen Erfolgsautorin Marianne Fredriksson mit ihrem neuen Roman nicht gelungen: «Stinas Entscheidung» handelt von einer Frau, die über Jahre verzweifelt versucht, sich aus der Opferrolle zu befreien, in die sie sich einst von ihrem Ex-Mann und nicht ohne Mitschuld drängen ließ. Damit begibt sich Fredriksson zwar auf gewohntes Terrain, nämlich der Analyse zwischenmenschlicher Beziehungen mit ihren unendlichen psychologischen Facetten. Aber irgendwie kommt die Geschichte der jungen Frau und ihrer Familie unbeholfen daher - und manchmal auch unglaubwürdig.

Stina ist eine intelligente, schöne, junge Frau mit besten Berufsaussichten. Sie verfällt einem gut aussehenden Mann, den sie Hals über Kopf trotz Warnungen ihres Vaters heiratet. Die häusliche Idylle der beiden findet ein jähes Ende, als Stina schwanger wird. Der Ehemann entpuppt sich urplötzlich als Psychopath. Soweit der vielversprechende Plot. Was dann kommt, ist der nicht immer geglückte Versuch der Autorin, logische Erklärungen für unlogisch erscheinende Handlungen zu finden: Die werdende Mutter Stina, studierte Biologin und Mathematikerin, promoviert trotz tiefster Depressionen. Die gebildete Frau ist aber nicht in der Lage, sich aus der misslichen Situation zu befreien, aus eigener Kraft ihren Mann zu verlassen, den sie inzwischen verachtet und hasst.

Fredriksson baut vor allem auf Gespräche zwischen Mitgliedern und Freunden der Familie, um Hintergründe deutlich zu machen - ein bewährtes Mittel, hier aber eher eine Schwachstelle des Romans. Es mutet manchmal fast kindlich-naiv an, wie schnell die Autorin Menschen zu guten Freunden und Vertrauten werden lässt, wie unglaublich verständnisvoll alle sind, wie federleicht länderübergreifend Behördenkontakte geknüpft werden.

Am schwersten nachzuzeichnen ist neben der Person Stinas wohl Maria, ihre ältere Tochter, die von ihrem eigenen Vater missbraucht wird. Kein Wunder, dass die Sechsjährige schwere psychische Schäden davon trägt. Gut nachvollziehbar deren Wut auf die Mutter, die sie angeblich im Stich gelassen hat. Aber überhaupt nicht realistisch scheint das ausgeprägte intellektuelle Verständnis des Mädchens zu sein. Da klafft eine große Diskrepanz zwischen zugeordneter Intelligenz und naturgegebener Kindlichkeit.

«Stinas Entscheidung» ist ein leicht zu lesender Roman, der ein schweres Thema aufgreift und leider recht trivial verarbeitet. Die Küchenpsychologie aller Protagonisten ist nicht nur oft unausgegoren, sondern mitunter auch fragwürdig. Die Suche Stinas nach ihrem Ich wird für den Leser zur Suche nach einer Antwort auf die Frage: «Was will uns Fredriksson mit diesem Buch eigentlich sagen?» Schade, denn dass die Schwedin auch ganz anderes zu Stande bringt, hat sie mit anderen Romanen hinlänglich bewiesen.

Frauke Kaberka, dpa
18.07.2006

 
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Das Buch:

Marianne Fredriksson:
Stinas Entscheidung

Bild: Buchcover Marianne Fredriksson, Stinas Entscheidung

Frankfurt/M.: S. Fischer Verlag 2006
316 S., € 19,90
ISBN: 3-810-50671-0

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