Romane

Entlarvendes US-Gesellschaftsdrama

Der Garten Eden ist in Stephen Amidons Roman «Der Sündenfall» ein reiches Städtchen vor den Toren New Yorks. Doch die paradiesische Fassade trügt: Hinter den Mauern herrschaftlicher Anwesen lebt es sich zwar höchst komfortabel, zufrieden aber sind die Menschen nicht. Als ein Unfall passiert, stürzen die Fassaden bürgerlichen Glücks zusammen wie ein Kartenhaus, und der schöne Schein liegt in Trümmern. Amidon wird von den amerikanischen Kritikern in seinem Humor und psychologischen Scharfsinn mit Jonathan Franzen verglichen, und in der Tat ähnelt seine Geschichte den «Korrekturen». Beiden entlarven, indem sie eine durchaus realistische Geschichte über durchschnittliche Menschen erzählen, deren Orientierungslosigkeit und Zynismus in Zeiten der Entfremdung und eines unbedingten Erfolgszwangs.

Amidon gewährt Einblicke in das Leben von drei Familien in Totten Crossing, Connecticut, deren Schicksale sich miteinander verbinden.

An der Spitze der Gesellschaft dieser Wohlstandsoase stehen die Mannings, deren Familienoberhaupt Quint es als Finanzmakler zu ungeheurem Reichtum gebracht hat, während seine Frau Carrie «in der Vorstadt seiner Zuneigung» zu verkümmern droht. Quints Gegenpart übernimmt der glücklose Immobilienmakler Drew, der, um seine Familie vor dem Ruin zu retten, seine gesamten Ersparnisse in den Manning'schen Aktienfonds steckt. Seine eigensinnige Tochter Shannon hat ihm die Tür zur feinen Gesellschaft geöffnet, war sie doch eine Weile mit Jamie Manning befreundet - einem liebenswerten, aber labilen Jungen im Schatten eines übermächtigen Vaters.

Heimlich hat sich Shannon aber mittlerweile in einen anderen verliebt: in Ian, der nach dem Tod seiner Mutter von seinem Althippie-Onkel umsorgt wird und schon mehrmals mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist. Als Shannon eines Nachts mit ihrem Geliebten den betrunkenen Jamie von einer Party abholt und Ian mit dessen Auto einen Radfahrer überfährt, lässt sich trotz verzweifelter Bemühungen keine der Lebenslügen mehr aufrechterhalten. Am Ende wird das offenbar, was in diese «verkommene, ehrgeizige, zynische» Gesellschaft so wenig hinein zu passen scheint: Wahrhaftigkeit.

Mit viel Tempo, aber dennoch detailverliebt, führt Amidon durch diese glaubwürdige Geschichte, die er aus immer wieder anderen Perspektiven und in vielen Passagen meisterhaft erzählt. Die Szene des Seitensprungs zum Beispiel, mit dem sich Carrie insgeheim für die Gefühlskälte ihres Mannes rächen will, ist unübertrefflich geschrieben. Sehr unglücklich sind allerdings der deutsche Titel und die reißerische Aufmachung des Buches gewählt, hinter denen kaum einer das vermutet, was «Der Sündenfall» tatsächlich ist - ein sehr guter Roman nämlich.

Susanna Gilbert-Sättele, dpa
08.06.2006

 
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Das Buch:

Stephan Amidon:
Der Sündelfall

Bild: Buchcover Stephen Amidon, Der Sündenfall

München: Goldmann Verlag 2006
479 S., € 21,95
ISBN: 3-442-31096-2

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