Romane

Ein Ort wie ein Roman

Der Abschied vom Vater wird zum Wiedersehen. Zum Wiedersehen mit dem Ort früherer Familienurlaube zunächst, doch John von Düffel beschränkt sich in seiner neuen Erzählung «Hotel Angst» nicht auf die Rückkehr nach Bordighera, dem einst mondänen Badeort an der Riviera. Nach dem Tod des Vaters findet der Sohn dort nicht nur seine eigenen Erinnerungen wieder, sondern auch die Träume seines Vaters. Es hätte leicht in Kitsch abgleiten können, wie der Sohn dem Vater nachspürt, wie er in einer Mischung von Nostalgie und Spott dessen große Idee rekapituliert: das untergangegene Gründerzeithotel Angst zu renovieren und wiederzueröffnen. Es hätte in nostalgisches Geplänkel ausarten können, wie von Düffel die schüchterne Kindheit des Erzählers schildert. Doch stattdessen gelingt von Düffel eine klare und ruhige Annäherung an den Vater ohne jede künstliche Rührseligkeit.

Nach «Vom Wasser», der Geschichte einer Papierfabrikantendynastie, und seinem Familienroman «Houwelandt» erzählt von Düffel in «Hotel Angst» in der Distanz wahrenden zweiten Person seinem imaginären Gegenüber, wie er langsam die wahre Größe seines oft belächelten Vaters erkennt. Nach und nach wird verständlich, warum der Vater kein Versager war, obwohl er seinen Traum nie verwirklichte und das Hotel nie renoviert wurde. Von Düffel zeigt, dass der Vater viel mehr erreicht hat, als einen Bau vor dem Verfall zu retten; er hat die Idee des Hotels rekonstruiert ­ nicht architektonisch, sondern literarisch.

Dass der imaginäre Sohn an Stelle des Vaters das Buch geschrieben hat, ist ein reizvoller Dreh von Düffel. So reizvoll wie der Schauplatz der Erzählung: Bordighera mit seinem versunkenen Charme des Fin-de-siècle ruft geradezu danach, bedichtet zu werden - jetzt, lange nach der Blütezeit des Ortes, die ihrerseits durch einen Roman entstanden war. Und so verwebt von Düffel diese literarische Anspielung an «Doktor Antonio», einen um die Jahrhundertwende vor allem in England beliebten Roman von Giovanni Ruffini, gekonnt mit seinem eigenen Stoff. Statt in schwülstigen Naturbetrachtungen zu versinken, kann er sich auf Ruffini berufen, um die besondere ligurische Stimmung mit ihrer Luft, den Pflanzen und Farben zu beschreiben.

Ebenso geschickt nutzt er den assoziationsreichen Name «Hotel Angst». Immer schon war dieser Name weit mehr ist als nur die Benennung nach dem ehemaligen Schweizer Hoteleigentümer Adolf Angst.

Es war zur Blütezeit von Bordighera ein Synonym für erhabenen Luxus, der aber von Anfang an mit einem Hauch des Morbiden überzogen war - ein Detail, das von Düffel sorgfältig anhand der Architekturgeschichte von Bordighera ausarbeitet. So war der Badeort um die Jahrhundertwende ein Refugium für Tuberkulosekranke.

Assoziationen an Thomas Manns «Zauberberg» werden geweckt, auch wenn von Düffel Mann nicht erwähnt. Am Ende finden sich in den Ruinen des verlassenen Hotels Angst viele Symbole für den Untergang, aber auch für das Überleben großer Zeiten und großer Ideen. Symbole, die von Düffel in seiner Erzählung tiefgründig und doch kurzweilig eingefangen hat.

Verena Neuhausen, dpa
10.05.2006

 
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Das Buch:

John von Düffel:
Hotel Angst

Bild: Buchcover John von Düffel, Hotel Angst

Köln: DuMont Literatur und Kunst Verlag 2006
108 S.
ISBN: 3-8321-7957-7

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