Romane

Melancholischer Bukowski

In den letzten Jahren seines Lebens führt Charles Bukowksi ein vergleichsweise monotones Leben in seinem Haus in Los Angeles: Er steht am späten Vormittag auf, geht auf die Rennbahn zum Wetten, setzt sich am Abend hin und hackt seinen letzten Roman «Pulp» (Ausgeträumt) und Gedichte in seinem Computer. Nebenbei sinniert er über das Alter(n), den Ruhm und den Tod. Seine meist spät nach Mitternacht und oft unter Alkoholeinfluss geschriebenen Tagebuchseiten sind jetzt auf Deutsch unter dem Titel «Den Göttern kommt das große Kotzen» (Original: The Captain Is Out To Lunch And The Sailors Have Taken Over The Ship, 1998) erschienen.

Wie die meisten seiner Werke hat auch «Den Göttern kommt das große Kotzen» wieder Carl Weissner übersetzt, der seit 1967 eng mit Bukowski befreundet war. Das schmale Bändchen eröffnet eine neue Sicht auf Bukowski, der gerne laut krakeelend über Gauner, Säufer, Obdachlose, Huren und sein eigenes Leben berichtet hat. Das wäre beinahe daneben gegangen, wenn ihn nicht die Literatur gerettet hätte.

In den Texten schwingt eine gewisse Melancholie darüber mit, dass er bald gehen muss. Auch, wenn das nach echter Bukowski-Manie eher rotzig 'rüberkommt: «Das Schlimmste: Einige Zeit nach meinem Tod werde ich richtig entdeckt. Alle, die mich zu Lebzeiten gefürchtet oder gehasst haben, finden mich jetzt ganz toll. Meine Worte sind überall. Clubs und Gesellschaften werden gegründet. (...) Es wird übertrieben. Sogar den Göttern kommt das große Kotzen. Die menschliche Rasse übertreibt alles. Ihre Helden, ihre Feinde, ihre Bedeutung», schreibt er am 24. August 1992 um 0.28 Uhr.

Aber dann spricht der 1920 im deutschen Andernach als Heinrich Karl Bukowski Jr. geborene Schriftsteller auch davon, dass er gerne noch die Jahrtausendwende erleben würde (er starb 1994). Dass er an Leukämie leidet, davon ist in dem Bändchen nichts zu lesen.

Schließlich hat er eine vermeintlich gute Waffe gegen den unausweichlichen Tod: «Beim Schreiben bekomme ich Flügel und setze einiges in Brand. Beim Schreiben fische ich den Tod aus der linken Tasche, werfe ihn an die Wand und fange ihn wieder auf», kann man bei ihm im am 21. September 1991 lesen - fast triumphierend nach einem Tag, an dem ihm die Zeilen leicht von der Hand gingen.

In gnadenloser Selbstkritik schaut er sich selbst von außen zu, wie er sich als Griesgram inszeniert: «Alter Schriftsteller zieht sich einen Pulli über, setzt sich hin, stiert auf den Monitor und schreibt über das Leben. Geht's noch ein bisschen heiliger?» (15. Oktober 1991, 0.55 Uhr). Dass er seine Zeit auf der Rennbahn verplempert - oder seine «Stunden in die Scheiße» tritt, wie er es ausdrückt - weiß er, kann es aber nicht lassen.

Am Ende hat er auch nicht mehr viel Gutes über seine Mitmenschen zu sagen, dieses «Scheißvolk», die «schwerfällige Spezies», diese «stinkenden Blumen». Mit dem Dasein versöhnen ihn da nur noch seine Zigarren, seine klassische Musik («Mach weiter so Mahler! Du hast mir einen fabelhaften Abend beschert. Hör nicht auf, du Hundsknochen. Hör nicht auf!»), seine sieben Katzen und sein Computer. Über das «magische Gerät» schreibt er fast liebevoller als über seine Frau Linda Lee Bukowski.

Trotzdem kommt ganz klar durch, dass dieser Mann gerne gelebt hat und das auch gerne noch ein bisschen länger getan hätte. Aber nur, wenn er das letzte Wort haben kann. Shakespeare finde er nach wie vor schrecklich, auch wenn ihm das vor kurzem jemand ausreden wollte: «Du kannst mich mal Kumpel. Und Tolstoi finde ich auch nicht gut». So, da haben wir's.

Carla S. Reissmann, dpa
09.05.2006

 
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Das Buch:

Charles Bukowski:
Den Göttern kommt das große Kotzen

Bild: Buchcover Charles Bukowski, Den Göttern kommt das große Kotzen

Köln: KiWi Verlag 2006
160 S., € 16,90
ISBN: 3-462-03655-6

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