Romane

Finstere Vorlage zu Südafrikas optimistischem Oscar-Erfolg

Eine Mischung aus Abscheu und Huldigung - so beschrieb der südafrikanische Autor Athol Fugard das Verhältnis zu seinem Vaterland: Abscheu für die menschenverachtende Apartheid, Huldigung für das Durchhaltevermögen des Menschen. Da seine Werke allesamt in Südafrika spielen, sind auch sie von diesen Extremen bestimmt. In kaum einer anderen Geschichte Fugards wird das deutlicher als in seinem ersten und einzigen Roman «Tsotsi».

Das Buch erschien erstmals 1980 in Südafrika und zwei Jahre später auf Deutsch. Nun gewann seine Verfilmung den Auslands-Oscar (Regie: Gavin Hood), so dass sich der Diogenes Verlag zu einer Neuauflage entschloss. Die Zeitreise ins Soweto der 50er Jahre, als der Roman entstand, erklärt viele Übel, an denen das «neue» Südafrika bis heute leidet.

Tsotsi - ein Slangwort für Gangster - ist der Führer einer schwarzen Straßengang, Anfang 20 und Mord-erfahren. Seine kurze Kindheit hat er komplett verdrängt, seine Vergangenheit ist ausgelöscht bis hin zum eigenen Namen. Eine seiner eisernen Regeln ist: Wer zu viele Fragen stellt, «ist schon so gut wie tot». Die Gang zerfällt, als einer von ihnen zu neugierig ist. Aus Wut erschlägt Tsotsi ihn fast - und kommt dann doch ins Grübeln.

Fugard, Jahrgang 1932, lebte als englischsprachiger Weißer lange in den schwarzen Townships, wo er Laientheaterkurse gab und die trostlose Welt der erschöpften Arbeiter kennen lernte, die für den Reichtum der weißen Minderheit schufteten. Sein schonungslos realistischer Roman lebt von diesem Detailwissen.

Ein Säugling wirft Tsotsi endgültig aus der Bahn: Als ihm das Baby bei einem Autodiebstahl in die Hände fällt, bringt er es aus lauter Überraschung weder um, noch lässt er es zurück. Er nimmt sich des Babys an - auch weil es Erinnerungen weckt: an eine glückliche Kindheit bei der Mutter. Dass sie irgendwann verhaftet wurde, nie wieder auftauchte und Tsotsi sich als Straßenkind durchschlug, deutet Fugard nur an. Ohne anklagenden Unterton erzählt er auch, dass Tsotsi das Baby in jenen Ruinen versteckt, die die staatlichen Planierraupen von den Township-Häusern übrig lassen, wenn sie Platz für weiße Siedlungen schaffen.

Gerade weil die schreiende Ungerechtigkeit nur als Kulisse dient, wirkt sie so beklemmend. Der Roman vermag vielleicht sogar weiße Südafrikaner in den gleichen schmerzhaften Prozess zu verwickeln, den Tsotsi durchmacht: Durch Rückblicke in die Vergangenheit werden eigene Fehler erkannt, und es entsteht Reue.

Fugard ließ Tsotsi seinerzeit tragisch enden - er sprach von «mutigem Pessimismus». Die Filmadaption, die die Handlung ins Heute holt, ist weit weniger finster und unversöhnlich. Fugard erzählt lakonisch, wo der Film von unbändiger Energie überläuft. Gemeinsam haben Film und Buch vor allem, dass Tsotsi letztlich die Konsequenzen seiner Taten tragen muss, um so etwas wie Erlösung zu erlangen. Der grundlegende Unterschied wird jedoch bereits in jener Szene deutlich, in der Tsotsi mit dem Baby konfrontiert wird: Während es im Film gesund und munter ist wie die Hoffnung auf bessere Zeiten, wirkt der Säugling bei Fugard von Anfang an «klein und schwarz und sieht älter aus als alles, was Tsotsi je gesehen hatte».

Wer den Roman aufmerksam liest, entdeckt darin die Trümmer, unter denen Tsotsis Gewissen verschüttet war. Es sind dieselben, die auch das demokratische Südafrika noch aus dem Weg zu räumen hat. Kurz: Wer den Tsotsi im Film verstehen will, muss «Tsotsi», das Buch, gelesen haben.

Steven Geyer, dpa
04.05.2006

 
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Das Buch:

Athol Fugard:
Tsotsi

Bild: Buchcover Athol Fugard, Tsotsi

Zürich: Diogenes Verlag 2006
330 S., € 9,90
ISBN: 978-3-257-23565-4

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