Romane

Mischung aus Reisereportage und Autobiografie

Als nach dem Zweiten Weltkrieg Zehntausende aus dem zerbombten Europa nach Amerika strömen, schlägt die junge New Yorkerin Paula Fox die entgegengesetzte Richtung ein. Auch sie erlebt die Atlantiküberquerung als Flucht. Dass sie einmal eine gefeierte Roman- und Jugendbuchautorin sein wird, weiß sie noch nicht.
Einstweilen erwarten sie nur der grimmige Winter 1946/47 und die schlecht bezahlte Korrespondentenstelle einer obskuren Nachrichtenagentur. England, Frankreich, Polen und Spanien sind die Etappen einer Reise, die ihr Leben verändert - aber erst als Achtzigjährige wird Paula Fox ihren «Kältesten Winter» verarbeiten.

Entstanden ist dabei eine Mischung aus Reisereportage und Autobiografie. London, Paris, Warschau und Barcelona sind für Fox nicht nur Orte auf der geographischen und politischen Karte, sondern auch Wegmarken persönlicher Entwicklung. Tagesaktuelle Ereignisse wie etwa Wahlen geben - wenn sie überhaupt vorkommen - allenfalls einen diffusen Hintergrund ab. Zeithistorische Fakten behandelt die Autorin mit souveräner Achtlosigkeit. «Später am selben Tag hielt der neue Präsident eine Pressekonferenz im Winterpalast ab (vielleicht war es auch der Sommerpalast - ich habe es vergessen)», notiert sie zu den Wahlen zur Verfassung gebenden Versammlung Polens vom Januar 1947. Zu den Fälschungen und Manipulationen verliert sie kein Wort.

Gleichwohl liefert Fox ein scharfes Bild ihrer von Krieg und Verfolgung gezeichneten Reiseländer. Um politische Einsichten zu finden, genügt ihr ein aufmerksamer Blick auf die Menschen. Die panische Angst des Zimmermädchens ihres Warschauer Hotels vor der Geheimpolizei lässt sie endgültig mit dem Kommunismus brechen. Im Zug von Barcelona nach Madrid formt sie aus knappen Gesprächen im Abteil eine Momentaufnahme der Gesellschaft unter Francos Diktatur.

Solche Szenen skizziert Paula Fox mit der gleichmütigen Lakonie der klassischen amerikanischen Short Story, die Übersetzer Ingo Herzke stilsicher ins Deutsche rettet. Um innere Regungen, gar Leidenschaften macht die Autorin nicht viel Aufhebens, ihre Reise ist gänzlich unsentimental: Selbst die tragische Affäre mit einem korsischen Politiker in Paris komprimiert sie auf eine Seite.
Einfache Aussagesätze geben den Takt an - es ist kein touristischer Schlenderschritt, mit dem die Autorin ihre Leser durch ein wundes und frierendes Europa führt. Aber ihr Auge ist genau, und ihre Beschreibungen sind in ihrer schnörkellosen Nüchternheit um so packender.
 
Wolfgang Harms (dpa)
23.04.2006

 
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Das Buch:

Paula Fox:
Der kälteste Winter. Erinnerungen an das befreite Europa

Bild: Buchcover Paula Fox, Der kälteste Winter. Erinnerungen an das befreite Europa

München: C. H. Beck 2006
157 S., € 16,90
ISBN: 3-406-54208-5

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