Romane

Eine Familiengeschichte in Puzzleform

Tanja Dückers´ literarische Bandbreite war schon immer groß. Lyrik hat die Autorin aus Berlin genauso veröffentlicht wie kürzere Prosa, ohne je die Bekanntheit erreicht zu haben wie die fast gleich alte Judith Hermann («Sommerhaus, später»). Nun hat sie sich erneut für einen Roman entschieden - und der Versuch ist durchaus gelungen. «Der längste Tag des Jahres» ist - wie schon «Himmelskörper» - eine Familiengeschichte, ihr Titel eine  Anspielung auf den 21. Juni, den Todestag von Paul Kadereit. Ihn die Hauptfigur des Romans zu nennen, wäre übertrieben, der Text beginnt gewissermaßen mit der Nachricht seines Ablebens. Doch er ist das «Zentralgestirn» der Familie, um die es diesmal geht.

Dückers nähert sich ihm aus der Perspektive seiner Kinder, deren Leben der introvertierte, heimliche Tyrann weit mehr bestimmt hat, als ihnen lieb ist. Es ist eine Familiengeschichte in Puzzleform: Das Gesamtbild ergibt sich erst, wenn die einzelnen Teile zusammengesetzt sind. Die Autorin hat dafür einen eigenwilligen Bauplan entworfen:

Sie erzählt nicht chronologisch, sondern in Einzelkapiteln. Fünf davon gibt es, genauso viele wie Kinder in der Familie Kadereit.

Jedes von ihnen hatte zu dem egomanischen, verschrobenen Vater, dem gescheiterten Kleinunternehmer mit eigener Tierhandlung, auf seine Weise ein eher schwieriges Verhältnis. Vielleicht lag das daran, dass er an Geckos, Steppenwaranen und Höhlenheuschrecken mehr Interesse hatte als an der Beschäftigung mit den eigenen Kindern.

Deren Gefühle dem Vater gegenüber sind durchaus unterschiedlich. Gemeinsam ist ihnen die Distanz zu ihm. Am größten, ganz buchstäblich, ist sie bei Thomas, ursprünglich Papas Liebling: Der Superschüler, die große Hoffnung des Familienvorstands, zieht die radikalste Konsequenz aus dem verkorksten Familienbeziehungen und haut ab: Mit Mitte 20 wandert er aus, landet schließlich in der Wüste im Westen der USA - dort, wo die skurrilen Reptilien leben, die sein Vater in seinen Terrarien so bewundert. Das hätte ein neues Bindeglied zwischen Vater und Sohn werden können - wenn Tanja Dückers sich nicht entschieden hätte, Paul Kadereit so plötzlich sterben zu lassen.

Andreas Heimann (dpa)
18.04.2006

 
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Das Buch:

Tanja Dückers:
Der längste Tag des Jahres

Bild: Buchcover Tanja Dückers, Der längste Tag des Jahres

Berlin: Aufbau-Verlag 2006
213 S., € 18,90
ISBN: 3-351-03068-1

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