Romane

Lebendiges Bild vom Erwachsenwerden

Sybille Bedford, die am 17. Februar im Alter von 94 Jahren starb, gelangt posthum zu neuem schriftstellerischen Ruhm: Bei SchirmerGraf ist nach der viel beachteten Wiederentdeckung «Ein Liebling der Götter» jetzt die Fortsetzung «Ein trügerischer Sommer» erschienen. Die deutsch-britische Aristokratin und Kosmopolitin schrieb das Buch in den 60er Jahren, erst jetzt wurde es ins Deutsche übertragen. Wie alle ihre Geschichten und Erzählungen, schöpft auch dieser Gesellschaftsroman Bedfords aus ihrer bewegten Biographie zwischen Deutschland, England, Italien und Frankreich. Leser des ersten Buches kennen die Familiengeschichte der jungen Flavia bereits, für alle anderen gibt es in einem nächtlichen Monolog eine Zusammenfassung. Flavia, 17-jährige Tochter einer amerikanisch- italienischen Mutter und eines bereits verstorbenen Engländers, verbringt den Sommer allein in dem kleinen Küstenort Saint-Jean an der Côte d'Azur. Während die Mutter Constanza mit ihrem Liebhaber Michel umherreist, lernt das Mädchen eifrig für ihre Aufnahmeprüfung in Oxford, plant den Ablauf aller Tage sorgfältig und träumt von dem geradlinigen, störungsfreien Leben, dass vor ihr liegt.

Ebenso altklug wie naiv analysiert sie ihre Umwelt und die Menschen des kleinen Ortes. Dabei bleibt sie stets auf Distanz - bis die mondäne Malergattin Thérèse in ihr Leben tritt. Die nun folgenden Tagen bringen der 17-Jährigen ihre ersten Vergnügungen in der mondänen Gesellschaft der 20er Jahre: Dinner auf der Terrasse am Meer, Bootsausflüge, Tanzabende - und schließlich auch erste Erfahrungen im Schlafzimmer der strahlenden Gastgeberin.

Ihre neu entdeckte Neigung zur Frauenliebe ist für Flavia kaum Anlass für Grübeleien, viel zu gut passt die extravagante Liebelei in ihr Bild von einem perfekten, nicht von großen Gefühlen beeinflussten Dasein. Erst, als eine ebenso schöne wie geheimnisvolle und grausame Fremde ihre Nähe sucht, stürzt Flavia ins seelische Chaos. Ihr Bemühen, dem offenbar so überlegenen Wesen zu gefallen und gefällig zu sein, mischt sich zunehmend mit Zweifeln an den Motiven der edlen Dame. Unfähig, den Bann zu brechen, lässt sich Flavia verführen, setzt das Schicksal ihrer Familie aufs Spiel - und belegt ihr so sorglos erträumtes Leben mit nie mehr weichenden dunklen Schatten.

Mit ihrer ganz eigenen Art zeichnet Bedford ein sehr lebendiges Bild vom Erwachsenwerden in einem Milieu, dessen Sorglosigkeit und Toleranz oft nur schöner Schein ist. Elegant, leicht und doch tiefsinnig schildert sie, wie schnell es aus sein kann mit jugendlichen Blütenträumen und wie sehr ein einziger Fehler das Leben vieler Generationen zu überschatten vermag.

Bedford wurde 1911 in Berlin als Tochter des Barons von Schoenebeck in den badischen Hochadel hineingeboren. Schon als junges Mädchen war sie mit wichtigen europäischen Künstlern und Intellektuellen wie Bertolt Brecht, Bruce Chatwin und Evelyn Waugh bekannt. In ihrer Jugend lebte sie längere Zeit mit ihrer Mutter und deren zweitem, italienischen Ehemann an der Côte d'Azur, dem Zufluchtsort vieler europäischer Künstler und Intellektueller dieser Zeit.

Zu den wichtigsten Büchern der bekennenden Homosexuellen gehören «A Visit to Don Otavio» (1953), «A Legacy» (1956, dt. Das Vermächtnis), eine 1973 erschienene Biografie Aldous Huxleys sowie «Jigsaw» (1992). Im Herbst 2005 war bei SchirmerGraf die Neuausgabe des Romans «Ein Liebling der Götter» erschienen, derzeit wird die Übersetzung ihrer Autobiografie «Quicksands» (Treibsand) vorbereitet.

Annett Klimpel (dpa)
16.04.2006

 
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Das Buch:

Sybille Bedford:
Ein trügerischer Sommer

Bild: Buchcover Sybille Bedford, Ein trügerischer Sommer

München: Verlag SchirmerGraf 2006
288 S., € 19,80
ISBN: 3-8655-5028-2

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