Romane

Angst vor Nähe

Für Christina sind Häuser «arme, kleine, geflickte Vierzimmerkartons», Orte eines Lebens, mit dem die 32- Jährige möglichst wenig zu tun haben will. Der einzige Job, den sie bisher länger ausgehalten hat, ist der einer Platzanweiserin. Menschliche Nähe kann sie kaum ertragen, nur der kleine Nachbarjunge Max darf sie begleiten, wenn sie stundenlang durch die Stadt zieht und sich die Wohnungen anschaut, in denen andere gelebt haben. Häuser sind für sie lebendiger als die meisten Menschen. Doch dann taucht der Bruder einer Jugendfreundin auf und zieht Christina aus dem Dunkel ihrer selbst gewählten Einsamkeit an das Licht des Lebens.

In ihrem Roman «Die Platzanweiserin» erzählt Susanne Fischer eine befremdende Geschichte mit Eloquenz, Tempo und großer Intensität. Es ist ein Buch, das man trotz seiner wenig überzeugenden Handlung nicht aus der Hand legen will, weil es einfach Vergnügen bereitet, den sprachlichen Linien, Sprüngen, Bildern und Umwegen zu folgen. «Unter Weibern» war 2003 Fischers erster Achtungserfolg als Schriftstellerin. Die 1960 geborene Hamburgerin arbeitet auch als Geschäftsführerin der Arno Schmidt Stiftung.Christinas Fluchtversuche vor den Menschen, ihre Indifferenz gegenüber dem eigenen Leben und dem der anderen, werden in dem Moment gestoppt, als ihr Jugendschwarm Thomas sich mit ihr treffen will.Unwillkürlich erinnert sich die junge Frau an ihre Schulzeit in den 70er Jahren, an das öde bürgerliche Milieu ihres Elternhauses, in dem ihr Vater fast jeden Satz mit dem kleinen Widerhaken «Nicht wahr?» beendete, «um mich in seine linksliberale Umarmung zu zwingen».

Damals übte Tamara mit ihrer unverhohlenen Sympathie für die Baader-Meinhoff-Gruppe viel mehr Faszination auf Christina aus als Thomas' brave Schwester Rita. Nun erfährt sie, dass Tamara unter ärmlichen Bedingungen vier Kinder alleine groß zieht, während Rita schon seit Jahren spurlos verschwunden ist - eine Tatsache, die Thomas nicht mehr los lässt. Es hat «ein riesiges Loch in sein Leben gerissen, das mit nichts auszufüllen ist» und ihn dazu zwingt, Nacht für Nacht die Straßen nach der Schwester abzusuchen. Zunächst lässt sich Christina in seinem Strudel der Selbstzerfleischung mitreißen, doch dann gelingt es ihr, sich der Vergangenheit zu stellen und sie zu überwinden.

Sie freundet sich sogar mit dem Gedanken an, selbst einmal eines jener Häuser zu bewohnen, die sie bisher nur als Gast besucht hat.
Christinas Wege von der Entwurzelung zur Sesshaftigkeit sind durchaus nachvollziehbar, und der Text ist immer dort am überzeugendsten, wo Fischer in die Vergangenheit eintaucht. Die Ebene der Gegenwart hingegen, ihre Begegnungen mit Thomas und Tamara, mit den Nachbarn, Max und mit Thomas' Freund Paul, in den sie sich verliebt, wirken stark überzeichnet.

Susanna Gilbert-Sättele (dpa)
07.03.2006

 
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Das Buch:

Susanne Fischer:
Platzanweiserin

Bild: Buchcover Susanne Fischer, Platzanweiserin

Frankfurt/M.: Eichborn Verlag 2006
191 S., € 17,90
ISBN: 3-821-85755-2

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