Romane

Schweigen als Schutzschild

Was ist ein Grab? Ist ein Grab eine Grube, in die hinabgesenkt wird, was ein Mensch war? Ist das Grab eine Stelle, auf die ein polierter Stein mit der Inschrift "Geliebt. Beweint. Unvergessen" gesetzt wird und die nach fünf Jahren verunkrautet? Ist das so, dann ist es gut so, daß es für den achtjährigen Simon G. nie ein Grab gegeben hat. Wie es dazu kam, daß der jüdische Junge aus Paris, sechs Jahrzehnte nach seinem Tode in den Gaskammern von Auschwitz, ein Grab bekam, schildert Philippe Grimbert in seinem Roman „Das Geheimnis“. Für Grimbert ist sein Buch das Grab für Simon. Ein Ehrengrab für den erträumten Bruder, für den entdeckten Halbbruder. Ein Ehrengrab für die jüdischen Kinder, denen die Nazis nicht nur Kindheit und Jugend, sondern auch das Leben stahlen. Ein weiteres, mit den Mitteln der Kunst, eingerichtetes Ehrengrab?

Die Etablierung des Ehrengrabes für den nie erlebten Bruder beginnt mit der Ausgrabung eines Geheimnisses, das die Familie Grimbert begraben hatte. 15 Jahre nach seiner Geburt erfährt der 1948 geborene Philippe, daß er nicht der erste, einzige Sohn seines Vaters ist und die Mutter nicht dessen erste, einzige Frau. Philippe erfährt, was die vier Buchstaben - JUDE - für die Familie bedeuteten, welche Folgen die jüdische Herkunft hatte, als die Verächter, Verfolger, Vernichter der Juden in Europa ihr Unwesen trieben. Der Fünfzehnjährige blickt zurück in die Geschichte und erkennt in ihr die tragischen Geschicke seiner scheinbar sorglos lebenden Familie. Philippe begreift, daß sein Glück das Glück ist, das auf den Schultern des Unglücks steht. Er begreift, daß seine Familie das Schweigen als Schutzschild aufstellte. Weniger, um vom eigenen Versagen, von eigenen Versäumnissen abzulenken, sondern, um die Selbsterhaltung nicht zu gefährden. Philippe begreift, wie sehr sich die Familie selbst geschwächt hat durch das Verschweigen der Angehörigen, die in den Verbrennungsöfen der Konzentrationslager eingeäschert wurden. Einerseits ausgelöscht durch den Haß der Verfolger, tilgte die Liebe der Nächsten das Gedächtnis an die Ermordeten. Den 15jährigen Philippe empört die Obszönität der Gewalt der Faschisten. Ihn empört nicht seine Familie. Er entschuldigt aber auch nicht die Not der Gemeinschaft der Verschweiger der Verbrechen, die einen äußeren Frieden leben, doch keinen Frieden finden. Philippe, der Nachgeborene, der Jüngste, der Schwächste wird der Starke, der Sichere, der Helfende. Dieser Sohn, der schließlich seine überragenden Eltern überragt, betrachtet es als seine Pflicht, das gewesene Elend nicht im Dunkel des Elends zu belassen.

"Das Geheimnis" ist ein weise-wehmütiges Klagelied, das frei von jeder Anklage ist.  Philippe Grimbert erzählt seine Biographie als die Biographie eines Unbelasteten, der seine Lasten buckelt, als Biographie der belasteten Eltern, die er entlastet. Der Autor erzählt Szene für Szene. Ein faszinierender Familien-Film läuft, dem in keiner Sekunde ausgewichen werden kann. Zitternd und oft den Tränen nah. Philippe Grimbert erzählt eine Tragödie, nicht als eine Tragödie, die dennoch nicht verzweifeln läßt. Auf selbstverständliche, naheliegende Weise läßt der Autor das Leben triumphieren, weil er das Leben liebt. Das Leben lieben kann nur, wer weiß, wie der Haß auf Leben, Leben gefährdet und zerstört. Philippe Grimberts Roman „Das Geheimnis“ ist ein Hohelied der Humanität, ohne die wir uns alle begraben lassen können. Ohne Grab! „Das Geheimnis“ ist nicht nur das Grab für den Bruder. Das Buch ist ein der Menschlichkeit gewidmeter Ehrenhain.

Bernd Heimberger
06.03.2006

 
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Das Buch:

Philippe Grimbert: Ein Geheimnis

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Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag 2006
155 S., 17,80
ISBN: 3-5184-1750-9

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