Romane

Familienpanorama des deutschen Bürgertums

Scharfzüngig und weichherzig zugleich, boshaft, herrschsüchtig und grenzenlos großzügig präsentiert die Amerikanerin Irene Dische ihre deutsche Großmutter, der sie in ihrem Roman «Großmama packt aus» ein Denkmal setzt. Sie lässt die alte Dame berichten von den kleinen privaten und den großen historischen Katastrophen ihrer Familie, und zwar so wie ihr der Schnabel gewachsen ist, mit Schnoddrigkeit, Offenheit und Humor. Die Durchsicht des Familienalbums der Familie Rother/Dische entpuppt sich zugleich als subjektiver Blick auf die deutsche Geschichte der vergangenen 70 Jahre.

Dische zeichnet mit den fiktiven Erinnerungen ihrer Großmutter ein Familienpanorama des deutschen Bürgertums mit all seinen Widersprüchen, mit «tieftragischen und hochkomischen» Momenten («Die Zeit»). Elisabeth Rother nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn sie als gläubige Katholikin von ihrer Heirat mit dem konvertierten jüdischen Arzt Carl erzählt, von den ersten Anfeindungen der Gestapo und ihrem beherzten Handeln, als sie den Mann mit unfreiwilliger Hilfe ihres Nazi-Bruders in die USA verschifft, von ihrer Ankunft in Amerika und dem Aufbau einer zweiten Existenz, während Carls zurückgelassene Familie umgebracht wird.

Sie erinnert sich, wie sich Tochter Renate den künstlerischen Plänen der resoluten Mama entzieht und mit einem Intellektuellen vermählt - dem ersten von drei jüdischen Ehemännern -, und wie vor allem die Enkelin Irene mit ihren Eskapaden an den Nerven der ordnungsliebenden Oma zerrt.

Ihr vor allem fühlte sich die alte Dame verbunden, dies zeigt schon der erste Satz des Romans («Daß meine Enkelin so schwierig ist, hängt vor allem mit Carls geringer Spermiendichte zusammen.») Die Einleitung mag aber auch als Indiz dafür gelten, dass Dische wie ihre Ahninnen trotz allen erlittenen Elends optimistisch geblieben ist:
«Das Leben endet tödlich, klar, aber der Weg zum Ende ist amüsanter, als unser konstant schlechtes Gewissen es suggeriert.»

Gekonnt hebt Dische die Grenzen der herkömmlichen Autobiografie auf, indem sie die verstorbene Großmutter von sich selbst erzählen und dabei das Hauptaugenmerk auf die Enkelin richten lässt. Der einzige Schwachpunkt dieses originellen Romans ist die Tatsache, dass den Männern der Familie angesichts der drei Generationen umfassenden Frauen-Power nur eine Statistenrolle zugewiesen wurde.

Susanna Gilbert-Sättele (dpa)
08.12.2005

 
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Das Buch:

Irene Dische:
Großmama packt aus

Bild: Buchcover Irene Dische, Großmama packt aus

Hamburg: Verlag Hoffmann und Campe 2005
368 S., € 23,00
ISBN: 3-4550-1458-54

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