Romane

Aller Prüderie Paroli

Wie war das mit Woody Allen? Wollte er der Welt nicht weismachen, daß nur er alle Welt wissen lassen kann, was sie schon immer über Sex wissen wollte? Der Junge war ein bißchen spät dran mit seinem losen, launigen Aufklärungs-Film. Er war alt genug, um vom Blockadebruch zu profitieren, den ein Professor der Zoologie aus Indians (USA) auslöste, der 1948 die Menschheit mit dem Buch „Das sexuelle Verhalten des Mannes“ erschreckte und erstaunte. Was der Hobby-Teppichknüpfer in penibler Arbeit zum Sexleben des Penisträgers ermittelte, analysierte, ausführte, bekam von den Medien sofort den prägnanten Stempel „Kinsey-Report“ aufgedrückt. Ob das im Sinne des Mannes war, der mit seinen Mitarbeitern das männliche Geschlechtsleben deflorierte? Was war wirklich im Sinne des Dr. Alfred C. Kinsey? Was war wirklich in seinen Sinnen?  Tausende , Hunderttausende haben sich das gefragt. Auch T. Coraghessan Boyle, der  - Zufall, nicht wahr? – in jenem achtundvierziger Jahr geboren wurde, in dem der Kinsey-Report wie ein Vulkan die irdische Landschaft veränderte.

Wie der Filmemacher Allen, so ist auch der Schriftsteller Boyle ein Profiteur des Anti-Prüderie –Professors. Wie verklemmt wäre die amerikanische Gesellschaft noch immer, hätte Kinsey nicht so demonstrativ die Toilettentüren aufgestoßen, Autorücksitze beleuchtet und Bettdecken hochgehoben. Boyle ist ein schamloser Schriftsteller. Mit Spaß spricht er über den Spaß, der Sex ist, sein könnte, sein sollte. Als Wortführer hat sich der Autor für seinen Roman „Dr. Sex“ eine passable Person erdacht, die blendend zu erzählen weiß, was wir schon immer über Dr. Kinsey wissen wollten. Der Ich-Erzähler ist John Milk, der als unbedarfter Studiosus schnell und unrettbar in den Sog des energischen und entschiedenen, selbstsicheren und selbstsüchtigen Sexforschers gerät. Milk ist fasziniert von dem forschen Forscher und feinsinnigen Freigeist. Er folgt ihm, unter allen Bedingungen, bedingungslos. Als Mitarbeiter, Mit-Täter in der Forschung, Mitglied der Familie Kinsey, der selbstverständlich zum sexuellen Partner des Hausherrn und der Hausfrau wird. Sexualität ist das Eine, Liebe das Andere. Kinsey möchte trennen , was nicht immer zu trennen ist. In seiner beherrschten Besessenheit fördert der Professor Komplikationen und Konflikte. Der Normenbrecher will keine Norm dulden. Die Forschungsgruppe um Kinsey kommt ins Schleudern, als Liebe die uneingeschränkte Sexualität mit-unter-einander stört. Der Verführer Kinsey, dem Keine und Keiner widerstand, sieht plötzlich wie ein schäbiger Vergewaltiger aus. Ist nicht jeder Verführer ein Vergewaltiger?

Zu eindeutigen Antworten muß sich der Romanautor nicht hinreißen lassen. Er ist nicht der Verfasser einer Biographie oder eines Kinsey-Porträts. Boyle hat sich ein, sein Bild von dem Besessenen gemacht, dessen Engagement und Eifer ihm offensichtlich imponiert. Beispiellos, ist der Mann kein Beispiel. Die uneingeschränkte Sexualität nicht nur zu propagieren, sondern zu praktizieren, ist noch keine Heldentat. Die stimulierende sexuelle Vielseitigkeit zu leben, um die sexuelle Scheinheiligkeit zu beenden, ist beispielgebend. T. C. Boyle macht sich einen Jux mit seinen Geschichten um den geschlechtlichen Juckreiz, dem Kinsey und seine Leute unter – liegen. „Dr. Sex“ ist ein amouröses. Ein amüsantes Buch. Wer glauben will, daß es bei Kinseys gewesen ist, wie im Roman geschildert, kanns glauben. Wer glauben will, daß alles anders war, kanns glauben. Boyle läßt die Leser im Ungewissen, soviel Gewißheit er über Entwicklungen und Erfolge der Forschungsarbeit der Kinsey-Gruppe artikuliert. Gewißheit über die allgemeine Prüderie, das sexuelle Unwissen der sexbeflissenen Gesellschaft. Der Roman „Dr. SEX“ nimmt die Sexualität der US-Bürger früherer Generationen ernst, die sich lächerlich machten mit ihrer verschwiegenen, versteckten, verkorksten Sexualität. Daß der Animator der spielerischen Sexualität bei T. C. Boyle., letztendlich, ebenfalls als ein Gefangener seiner Sexualität erscheint, treibt die Satire über die Triebe auf die Spitze. Boyles Buch über den Sexmeister Kinsey ist eine geistreiche, gehaltvolle Satire. Ungehemmt wird über das gesprochen, wovon wir nie genug hören können, weil wir nie genau genug hinhören, wenn vom Sex die Rede ist. Von der Regsamkeit völlig zu schweigen, die der Sex verlangt.

Bernd Heimberger
21.09.2005

 
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Das Buch:

T. C. Boyle:
Dr. Sex. Aus dem Amerikan. von Dirk van Gunsteren

Bild: Buchcover T. C. Boyle, Dr. Sex. Aus dem Amerikan. von Dirk van Gunsteren

München, Wien: Carl Hanser Verlag 2005
472 S., € 24,90
ISBN: 3-44620-5667

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