Romane

Zornig, zärtlich

Djian ist Djian! Ist das nicht von jedem versierten Schriftsteller irgenwann zu sagen, daß er ist, wer er ist? Philippe Djian ist immer Philippe Djian! Nicht immer mit allen Konsequenzen. Was wahrlich nicht gegen den welterfahrenen Franzosen spricht. Erstaunlich ist, wie konsequent der Schreiber seit Jahr und Tag seine Sprinter-Sprache durchhält. Salinger hat nur einen Sprint geschafft, dann trat er geschafft aus der Bahn. Djian, Jahrgang 1949, rackert sich unermüdlich, nimmermüde ab. Und: Wer merkst ihm an?

Zügig zieht der Erzähler Szenen eines Mannes durch, der kein Muttersöhnchen ist, doch an der Mutter klebt wie sie an ihm. Kletten, die nicht voneinander zu trennen sind? Mama ist immer dabei. Sie verkorkst dem Elfjährigen den Kontakt zum Vater. Als Hilfskraft huscht die Agile durch die Verlags-Buchhandlung ihres geschäftstüchtigen Jungen. So schön schwierig, so schwierig schön, wie hier artikuliert, ist die Mutter–Sohn–Story selbstverständlich nicht.

Wir wären nicht bei Djian, der die stilvolle Stichelei zu einer Kunstform der Literatur gemacht hat. Djian nachzuahmen ist manchem gelungen, nicht ihn nachzumachen. Djian ist eben Djian. In dem Roman „Reibereien“ konsequenter als in vorausgegangenen. Keiner kann so scharf sticheln, indem er schweigt, wie Djian schweigen lassen kann. Soviel gesagt wird, vielmehr bleibt dem Leser zu sagen.

Frohgemut können sämtliche Sticheleien, Frozzeleien, Schimpfkanonaden fortgesetzt werden. Nach Lust und Laune kann Szene für Szene erweitert werden. Bei Philippe Djian ist der Leser eingeladen, der zweite Autor zu sein.

Leicht lassen sich die geschilderten Ereignisse mit eigenen Lebenserfahrungen liieren. Mit den Kind-Eltern-, Mann-Weib-, Mutter-Sohn-Geschichten ist jeder schnell per Du, der zugibt, daß das Leben üblicherweise läuft, wie der Erzähler es erzählt. Die ständigen Nörgeleien zwischen den Lieben reiben das Leben nicht auf. Wegen der Reibereien halten sie es erst richtig warm. Meist ist es ein schieres Vergnügen, mitanzuhören, wie sich alle Verdammten dieser Erde bei Djian verfluchen, um dann mitanzusehen, wie sie sich verliebt, selbstverliebt in die Arme sinken. Sofern kein Schicksalsschlag aus dem Diesseits schleudert.

In „Reibereien“ ist das mehr als einmal so. Die Lösung aller Probleme ist das dennoch nicht, da alle Probleme mit der nächstgreifbaren Person neu beginnen. Das ist das Prinzip, dem sich auch der Ich-Erzähler des Romans beugt und das ihn durch die Lebensjahrzehnte lavrieren läßt. Bis er das grämliche Gefühl hat, Mutter und Tochter gegen sich zu haben. Ganz so gräßlich kommts dann doch nicht. Letztendlich landet jeder Mann – so oder so – wieder im Schoß der Mutter. Heile Welt in der unheilen Welt. Zum Lachen und Heulen. Der ganze Djian. Der ganze Roman.

Die Grundleidenschaften, Lieben und Leiden, Schuften und Saufen, die sich so hervorragend eignen, Szenen der Zärtlichkeit und des Zorns zu setzen und zu halten, finden sich wieder in der schnoddrigen Sprache des Schriftstellers, die alles andere als schnöde und simpel ist. So wie der Roman „Reibereien“ alles andere als schnöder, simpler Mutter-Sohn-Roman ist. Ohne zu glorifizieren wird das Mutter-Sohn-Sein hoch gelobt. Djian, Djian!

Bernd Heimberger
19.09.2005

 
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Das Buch:

Philippe Djian:
Reibereien. Aus dem Frz. von Uli Wittmann

Bild: Buchcover Philippe Djian, Reibereien. Aus dem Frz. von Uli Wittmann

Zürich: Diogenes 2005
234 S., € 19,90
ISBN: 3-25706-469-1

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