Romane

Martin Amis betrauert die Entkoppelung von Sex und Liebe

Martin Amis blickt zurück auf die wilden Jahre der angeblichen sexuellen Befreiung: In seinem neuen Roman "Die schwangere Witwe" tummeln sich junge Engländer 1970 in einem italienischen Schloss. Sex und Liebe sind entkoppelt: Frech, wortreich und am Ende ermüdend.

Der erste Satz soll es in sich haben und neugierig machen. "Das ist die Geschichte eines sexuellen Traumas", ganz am Anfang von Martin Amis' neuem Roman "Die schwangere Witwe", swingt ganz gut, wird aber ein paar Zeilen weiter von ein bisschen zu viel Programmerklärung ergänzt: "Es verdarb ihn für 25 Jahre."

Da ist schon mal klar, was der 62-jährige britische Autor bei seiner auf 400 Seiten folgenden Geschichte unter dem Strich über die "sexuelle Revolution" im Gefolge von '68 mit Antibaby-Pille und feministischem Landgewinnen denkt: Dass sie, wie andere trostlos geendete Revolutionen, keine Erben, sondern nur eine schwangere Witwe hinterlassen hat.

Dabei umgeben die Hauptfigur Keith in der autobiografisch angelegten Geschichte aus einem heißen italienischen Sommer 1970 junge, schöne und auch scharfe Frauen: Das Busen-Wunder Scheherazade, mit langen Beinen und schmalen Hüften, ebenso als "Blondine" eingeführt wie Keiths feste Freundin Lily. Mit der er im italienischen Schloss immer mal wieder schläft und noch häufiger über Sex spricht. Während er gleichzeitig immer heftiger Scheherazade begehrt. Keith landet schließlich bei der nicht ganz so attraktiven, aber sexuell aktiveren Gloria, trotz ihres dicken Hinterns.

Die 1,78 Meter große Scheherazade weiß derweil nicht recht, was sie mit dem um sie buhlenden italienischen Schlossherrn Adriano anfangen soll: Er ist zwergwüchsig. Über Längen-, Hüft-, Brust-, andere Körpermaße sowie tausend weitere Aspekte der "sexuellen Revolution" palavern die jungen Leute aus England, alle Anfang 20, im italienischen Sommer unentwegt, altersgemäß unreif und für den Leser recht ermüdend, in einer kurvenreichen, manchmal komischen, aber auch holprigen Handlung.

Da stellt Lily auch mal die Frage: "Liebe, Liebe ... Was soll das denn nun schon wieder?" Und bekommt von Keith zur Antwort: "Hier musst du lieben als Verb durch ficken ersetzen." Dass es so herzlos zugegangen war damals in den "wilden" jungen Jahren, schreibt Keith als alternder Mann 35 Jahre später nieder. Drei Ehen hat er inzwischen hinter sich, die große Liebe nie erlebt. Und nicht die geringste Ahnung, ob und wie seine Kinder, jetzt ungefähr so alt wie er selbst 1970, Sex und Liebe zusammenbringen.

Thomas Borchert, dpa
18.06.2012

 
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Das Buch:

Martin Amis:
Die schwangere Witwe. Aus dem Englischen von Werner Schmitz

Bild: Buchcover Martin Amis, Die schwangere Witwe

München: Carl Hanser Verlag 2012
416 S., € 24,90
ISBN: 978-3-446-23848-0

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